Chiefland über „Wildflowers“: Nicht mehr nur Disco und Pommes

In einem intimen Wohnzimmergespräch erzählt das Quartett Chiefland, wieso der Live-Faktor für sie so wichtig ist, weshalb sie keine „normalen“ Songs schreiben können und was es mit dem emotionalen Reset auf sich hat.
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Es ist Samstagnachmittag. Draußen regnet und hagelt es, wie immer, wenn Chiefland in Münster Halt machen. Die Naturverbundenheit der vier jungen Männer schlägt sich offenbar wortwörtlich und nicht nur in ihrem musikalischen Schaffen nieder. In einem gemütlichen Münsteraner Wohnzimmer also nehmen sich Chiefland ein paar Stunden vor der Show im Gleis 22 Zeit, um über ihr Debütalbum „Wildflowers“ zu sprechen. Gegründet wird die Band in Göttingen. Doch dort wohnt außer Bassist Niklas heute keiner mehr. Die Distanz zwischen den aktuellen Wohnorten ist nur einer der Gründe, aus denen die Fans ganze vier Jahre auf das Debütalbum des Quartetts warten mussten. Drummer Christian erklärt, wieso es so lange gedauert hat: „Das hat verschiedene Gründe. Wir haben viel live gespielt und uns Zeit gelassen, Songs zu schreiben, mit denen wir 100% zufrieden sind. Wir haben auch schon angefangen, Songs von der jetzigen Platte live zu spielen und die auszuprobieren, ob das die Richtung ist, in die wir wollen. Das war ein ganz natürlicher Prozess, sich Zeit zu lassen, um mit dem Produkt, mit dem man dann vollständig zufrieden ist, zu debütieren.“ Doch ein Album zu releasen stand nicht immer auf dem Fahrplan. „Ursprünglich war eine zweite EP geplant“, ergänzt Gitarrist Achim. „2017 waren wir im Studio und haben da auch sieben Songs aufgenommen, aber am Ende hat sich das nicht so richtig angefühlt. Und es gab zu der Zeit viel kreativen Output, also haben wir drüber gesprochen und uns entschlossen, dass auf eine andere Karte zu setzen. Wir wollten lieber ein Album draus machen.“ Später entstehen also die verbleibenden fünf Tracks, das Gesamtwerk wird „Wildflowers“ getauft.

Dieser Entstehungsprozess ist nicht immer so einfach, wie er vielleicht klingt. Viel hat sich getan und verändert zwischen Chieflands erster EP und ihrem Debütalbum. Vor der Veröffentlichung der EP „To Part Means To Die A Little“ wohnen alle vier noch in Göttingen und Umgebung. Der Weg zum gemeinsamen Band-Raum ist kurz und die Umstände einfach entspannter. „Und dann ist dieser Prozess des schnellen Erwachsenwerdens eingetreten“, sagt Christian. „Dass wir uns persönlich entwickeln mussten, jeder seine Wege geht und Erfahrungen macht, spielt sicher auch mit rein, dass es so lange bis zum Album gedauert hat.“ „Dazu kommt auch, was nicht so ersichtlich ist“, ergänzt Sänger Corwin. „Vor der EP waren das ja nur die drei und ich bin dazugekommen und habe mit aufgenommen. Und diese Entwicklung, dass wir uns zusammen hingesetzt und Songwriting betrieben haben, hört man auch.“ „In der Hinsicht finde ich das Album auch um einiges durchdachter und durchkomponierter. Wir waren zum Beispiel mehr auf Spannungsbögen bedacht und wollten jeden Song einen eigenen coolen Bogen geben“, fügt Achim hinzu. Dabei haben die vier jedoch auch schon ihre Routinen entwickelt. Digitales Songwriting funktioniert trotz der Distanzen zwischen den Wohnorten für sie gar nicht. Wann immer es geht, möglich und nötig ist, trifft man sich im alten Probenraum und bastelt an Ideen herum. Außerdem entsteht zumeist erst die Musik, dann der Text. Einzig der Song „Bottles Memories“ hatte zuerst Lyrics, die anschließend vertont wurden. Dabei sind Chiefland Songs nie nach einem klassischen Muster gestrickt „Unsere Texte arbeiten viel mit Storytelling“, kommentiert Achim, „und in einer Geschichte erzählst du ja eigentlich keinen Part zweimal.“ „Uns ist es wichtig, dass ein Song sich einfach immer weiterentwickelt“, fügt Bassist Niklas hinzu. Deshalb gibt es in keinem der zwölf Albumtracks einen wiederkehrenden Refrain oder die üblichen Abfolgemuster. An eingängigen Parts mangelt es dem Album dennoch nicht.

Wenn man textet, präsentiert man sich selbst. Zumindest geht es Sänger und Texter Corwin so. Egal, welche Schwierigkeit, Unannehmlichkeit oder auch welchen Höhenflug man beschreibt, es geht darum, zu zeigen, dass niemand in seinem Tun, in seiner Freude und seinem Leid allein ist. Dasselbe gilt auch für die Songstruktur – auch, wenn das einem erstmal Spanisch vorkommen mag. Chiefland zeigen, dass es eben auch anders als Strophe-Chorus-Strophe-Chorus-Bridge-Chorus geht. Inhaltlich bewegt sich „Wildflowers“ in den mal seichten, mal melancholischen, mal rauen Gefilden des Erwachsenwerdens. Im Taumel zwischen Werden und Vergehen erzählt Corwin viel aus seiner eigenen Biographie. Texte entstehen dabei immer aus einem Moment heraus. „Ich kann mich nicht hinsetzen und mir vornehmen, über das und das zu schreiben und so und so soll der Text dann aussehen. Ich sehe oder höre irgendwas und dann –  klick – kommt da was“, reflektiert er. „Ich habe schon eine Ahnung, worüber ich schreiben will, aber manchmal ist die Musik auch einfach so krass emotional, dass da eine Box aufgemacht wird und etwas aufs Papier sprudelt.“ Viel davon passiert im Probenraum, nebenbei, während die Musik live gespielt wird. Das erinnert an die Ausführungen von Anthony Kiedis in seiner Autobiographie, wie er zur jammenden Band Texte ausprobiert. Und jeder weiß, wie viele Hits dabei entstanden!

Bemerkenswert ist es, wenn dabei dann auch noch Fortsetzungsgeschichten wie „Homestead“ entstehen. Auf „Wildflowers“ ist die Geschichte von wegziehenden, engen Freunden und den herzlichen Wiedersehen, die zumeist jedoch nur kurz dauern und sich mit dem Morgengrauen wieder auflösen, auf zwei Songs aufgeteilt. Part 1 beschäftigt sich mit der Schwere und Leere, die auftaucht, wenn man alleine in der Stadt zurückbleibt und mit der Menge an gemeinsamen Erinnerungen, die einen überflutet, wenn man im Kopf in der Zeit zurück reist. „Aber auch wenn jemand weggezogen ist. ‚Homestead Part 1‘ spricht davon, dass wir diese Freundschaft immer noch haben werden“, erzählt Corwin. „Auf ‚Homestead Part 2‘ wollte ich das Album eigentlich zusammenfassen“, spricht er weiter, „aber habe mir auch Gedanken darüber gemacht, wie das ist, wenn man mit alten Freunden eine Nacht durchmacht und morgens aufwacht.“ Darauf referiert die Zeile „I woke up older“. „Dann geht man wieder seiner Wege und die Nacht war schön und so, aber das war's. Es ist nicht mehr so wie früher. Es ist nicht mehr nur Disco und Pommes.“ Es ist die Schwermut, die die schönen Dinge begleitet oder ihnen auf den Absatz folgt und die kindliche Leichtigkeit ablöst, die wohl allen jungen Menschen im Prozess des Erwachsenwerdens begegnet. So wie Wildblumen farbenprächtig blühen und betörend duften, so verwelken sie doch und ihre Schönheit vergeht ebenso wie jede lange Nacht von kitzelenden Sonnenstrahlen abrupt beendet wird.

Die Naturbilder stammen bei Chiefland auch nicht von ungefähr. Das wiederkehrende Motiv in Corwins Texten und das Artwork entspringen dem umfassenden Verbundenheitsgefühl des Quartetts mit seiner Umwelt. Ihre Single „Northbound“ unterlegte die Band außerdem mit einem Video über den von ihnen in Kooperation mit Sea Shepherd organisierten Beach Clean Up am Northeimer Kiessee. „Wir wollten zeigen, dass so ein Clean Up auch einfach eine gute Zeit sein kann, die man mit Freunden verbringt, während man was Gutes tut“, erklärt Achim das Engagement. „Und das soll auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Das macht Spaß und du siehst einfach, was du schaffst, wenn du da 430 Kilo Müll rausholst.“ Doch nicht nur die Umwelt ist ihnen wichtig. Auch der Gestaltung der Umgebung und der Atmosphäre auf ihren Liveshows widmen die Jungs viel Zeit. Stimmungsvolle Öllampen und der abgestimmte Einsatz von hellen und dunklen Elementen dient dazu, ein allgemeines Wohlempfinden im Raum zu erschaffen. Achim beschreibt: „Ganz wichtig ist uns auch der emotionale Reset – nach einer halben Stunde Show mit einem leichteren Gefühl rauszugehen als vorher. Wenn man das den Leuten ermöglichen kann, weil die Musik das transportiert, ist das doch cool.“ Der Live-Aspekt spielt generell eine sehr große Rolle in Chieflands musikalischem Schaffen. Nicht nur auf knapp 70 Konzerten, die die Band bereits gespielt hat, sondern schon beim Schreiben der Songs wird die Livesituation bedacht. Unnötige Gitarrenspuren und Elemente vom Band gibt es kaum, dafür umso mehr Energie und Atmosphäre. Alles in allem soll das Ambiente für jeden Besucher eine interaktive Safezone sein. Bis in den Mai hinein spielt das Vierergespann noch Shows, bevor bis zum Herbst eine kleine Pause eingelegt wird. Doch mit „Wildflowers“ können sich Chiefland definitiv noch öfter und länger sehen lassen.