Album der Woche goes Pegasus Open Air: Im Gespräch mit Flower Rush

Das Zeitalter des Soundcloud-Traps offenbart vielerlei Prämissen der jungen Generation. Zum einen reicht pure Musik ohne vorgegaukeltes Innovationsdenken nicht mehr, zum anderen sind Depressionen ein Dauerzustand, dem man sich hingibt. Flower Rush bilden einen Kontrapunkt zu beiden Entwicklungen.
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Ein beschaulich-sonniger Festivaltag wie dieser Maisamstag auf dem Pegasus Open Air ist eigentlich kein Anlass zur Traurigkeit. Während sich auf der strahlend grünen Waldlichtung die Bevölkerung von Mölln tummelt und Zwo Eins Risiko gerade ihr herrlich ungestümes Zwei-Mann-Biest aus wütendem Alternative-Garage-Rock loslassen, sitzen Flower Rush der Situation angemessen beseelt im Album-der-Woche-Interviewzelt. Am vorigen Tag ist ihr Debütalbum „Youngbloods“ erschienen, die Releaseparty war ein voller Erfolg. „Wegen diesen Momenten macht man Musik, das bleibt in Erinnerung“, beschreibt Drummer Malte das Konzert. „Da ist es auch egal, wenn man sich sechs Wochen vorher nur Stress gemacht hat. Das ist wie ein Baby zu haben: Man muss sich wahnsinnig anstrengen, aber wenn es einen einmal anlächelt, dann weiß man, dass es das wert war.“

In diesem Moment wirkt eigentlich alles wie das Resultat eines Films im kitschigen Heile-Welt-Glück – und doch reflektiert gerade Sänger Nils viele Umstände seines Lebens eher mit Sorgenfalten auf der Stirn. Wenn er zum Beispiel über die Wahl von Studium und Karriereentscheidungen spricht, dann klingt er ganz anders als im Tonus seiner Band, die das Jungsein stets als wünschenswertes Privileg darstellt. Gleichzeitig wird dadurch klar, dass die Musik genau der notwendige Eskapismus ist, den es zur Bewältigung dieser Probleme braucht. „Ich weiß nicht, ob ich das alles so könnte, wenn wir ernste Musik machen würden“, erklärt Nils die Beweggründe hinter Flower Rushs Kunst. „Ich bin ein Mensch, der sich über Vieles Gedanken macht und sich darüber auch viel Wissen anliest. Wenn ich das dann auch noch in der Musik verarbeiten und zwei Stunden auf der Bühne philosophieren würde, könnte ich selbst gar nicht mehr abschalten.“

Flower Rush sind jung. Sie sind Teil einer Generation, die auf dem Scheideweg steht: weg von der Realität hin zum verstellten Digitalisat. „Wir sind die erste Generation, der es wichtiger ist, wie sie über einen Bildschirm rüberkommt, als wie sie in persönlichen Begegnungen wirkt“, konstatiert Gitarrist Marcel das Dilemma der sozialen Medien. „Das merkst du sogar, wenn du mit Freunden unterwegs bist. Wir sind selbst Teil dieser Generation, das können wir gar nicht leugnen. Wären wir selbst nicht aktiv auf sozialen Netzwerken, dann wären wir vielleicht nicht da, wo wir gerade sind. Vielleicht würden wir nicht mal hier spielen. Einerseits kann diese Online-Kultur ein unfassbares Sprungbrett ein, anderseits behindert es uns aber auch.“ In diesem Zusammenhang lamentieren Flower Rush auch über die Smartphone-Zombies auf Konzerten, die eher mit dem Filmen eines außergewöhnlichen Moments beschäftigt sind, als mit dem Moment an sich. Dabei soll die Musik der Band eben nicht ein weiteres Mittel zur Selbstinszenierung Einzelner sein, sondern gerade ein Refugium in diesem dauerhaften Dogma bieten. „Mann muss einfach schauen, wo im Leben die Freiräume sind, die sich sinnvoll nutzen lassen“, erklärt Nils. „Das hat natürlich viel mit Struktur zu tun. Wir müssen ja in diesem System klarkommen, wir alle arbeiten nach Belohnung. Irgendwie muss man über die Runden kommen. Und wenn die Musik ein Output ist, den man dafür nutzen kann, dann finde ich das eigentlich ganz schön.“

„Youngbloods“ ist Flower Rushs konservierter Ausdruck dieses Lebensgefühls. Auf ihrem Debütalbum spielt die Band ein rasantes Gemisch aus Pop-Punk und Alternative, das nicht aufwühlen oder überfordern will, sondern zum Loslassen auffordert. Die Band nennt diesen Sound „College Rock“: „Wir sind nicht Blink-182, dafür sind nicht punkig genug“, stellt Nils grinsend klar. „Wir versuchen den Begriff gar nicht über die Musik zu definieren, sondern über die Attitüde. Wenn du College Rock bei Wikipedia eingibst, bekommst du sogar R.E.M. oder sowas.“ Man möchte meinen, dass diese Einstellung genau der wunde Punkt ist, der junge Menschen mobilisiert. Doch paradoxerweise kommen die Menschen meist erst dann zu Konzerten, wenn es kompliziert wird, wie Keyboarderin Käthe am Exemplar von Flower Rushs Heimatstadt Lüneburg erläutert: „Lüneburg ist sehr politisch und wenn im kleinen Rahmen etwas geht, dann meistens über diese Schiene. Das macht es natürlich schwierig für eine Band wie uns, die in diesem Bereich eher wenig ausgeprägt ist – obwohl diese Haltung zum Politischen natürlich eine gute Sache ist.“ „Wir sind eine Band, die politisch nicht instrumentalisieren will“, führt Nils weiter aus. „Wir wollen, dass die Leute zu Flower Rush gehen und abschalten können. Wir alle haben Probleme, die man aber für eineinhalb Stunden einfach mal hintenanstellen kann. Auf unseren Konzerten sollen die Leute es einfach nur genießen, uns zuzusehen.“

In diesem Sinne ist die Mission von Flower Rush doch wieder ein Kampf. Ein Protest gegen den Unwillen, sich der eigenen Pragmatisierung zu entziehen und ein Einsatz für das Überleben der Konzertkultur im kleinen Rahmen. „Die Leute gehen heutzutage viel weniger aus“, schätzt Malte die Lage ein. „Wenn du für Justin Bieber 100 Euro zahlst, ist das kein Problem, aber eine junge Band supporten immer weniger Leute mit fünf Euro. Ich war neulich in Irland, da sind die Pubs und die kleinen Konzerte alle proppenvoll. Ich würde mir wünschen, dass es sowas hier auch wieder öfter gäbe.“ Zum Glück – und das ist die Quintessenz aus dieser Geschichte – erleben Flower Rush an ihrem eigenen Beispiel, dass es auch anders geht. Das eindrückliche Releasekonzert des gestrigen Tages steckt noch immer in allen Knochen. „Wenn du so ein Publikum hast, bauscht sich alles gegenseitig auf“, beschreibt Bassist Daniel das Gefühl des Abends. „Das Publikum wird immer geiler und motiviert dich dadurch, auch immer geiler zu werden. Das ist die Dynamik, die es braucht.“ So spielt das Quintett wenige Stunden später mit viel Energie ihren heutigen Auftritt. Für sich, für die Menschen vor der Bühne. Für ein kleines Stück Freiheit.