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Im Kreuzverhör #9: The Earwix - „Animal Supreme“

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Sa, 19.01.2019 - 13:59
Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Mark Gluesniffin' Booze Rock von The Earwix in den Ring.

Lebt man mit einer Vorliebe für härtere Klänge im Großraum Marburg und besucht dementsprechende Veranstaltungen in dieser Gegend, würde es mich stark wundern, wenn jemand über kurz oder lang an The Earwix vorbeikommt. Ich glaube, ich wurde in meiner Jugend bis heute mit keiner Band auf den Konzerten und Festivals in Marburg an der Lahn und dem näheren Umkreis so oft auf der Bühne konfrontiert wie mit ihnen. Die Frage nach dem ersten Mal zu beantworten führt auf direktem Wege zu zentralen Aspekten, wenn ich an The Earwix denke: Party und Eskalation. Ich könnte ein paar Shows aufzählen, die eventuell in Frage kämen, für mich die Erste gewesen zu sein. Welche es letztendlich war? Keine Ahnung. Als ich das erste Mal auf eine der meistens recht kleinen Veranstaltungen mitgenommen wurde, durfte ich gerade so legal Bier trinken und war musikalisch einfach gestrickt: Rockmusik, meistens deutsch. Das Ganze liegt also schon ein paar Jahre zurück. Das Gute daran: Durch diverse Bands meines Bruders und seinen Freunden hatte ich früh ein offenes Ohr für Härteres. Heute denke ich schmunzelnd daran zurück, dass ich schon in der Grundschule Sencirows „Connection Of Evil“ auf dem Weg zum Bus gehört habe (wer sich das vorstellen will: Youtube!). Es wurde mir ungefragt auf meinen MP3-Player gespielt. Ich fühlte mich direkt wohl zwischen den anderen Besuchern dieser Shows und fand meinen Spaß am sogenannten „Gluesniffin' Booze Rock“ von The Earwix. Man weiß von Anfang an, was einen erwartet: Musik, in die die Herren um Frontmann Benni Bronson alles reinlegen. Für mich als Jugendlichen hatten die Shows immer einen riesigen Unterhaltungswert. Das, was auf der Bühne passierte, versprühte pure Energie und man konnte gar nicht alles sehen, was abging. Hier wurde auf den Boxenturm geklettert und die gesamte Crowd wartete nur darauf, dass das Teil in sich zusammenfiel. Dort lag immer mindestens ein Bandmitglied spielend auf dem Boden. Gerne auch mal zwei. Oder drei. Übereinander. Einmal erklomm Sänger Benni das Dach einer Festivalbühne und setzte die Show dort oben fort. Die Jungs nehmen ihr Handwerk ernst. Abende wie diese waren es, die mich heute noch dazu bewegen, mir gerne unbekannte Bands jeglicher Art anzuschauen und sie öffneten mir vor allem einige Türen meines Musikgeschmacks. Das, was in diesen Läden passiert, erlebt man eben auch nur dort. Vorausgesetzt man geht hin. Anstatt Schweiß tropfte bei The Earwix meistens Bier von der Decke. Egal, genau dafür war man da. „Animal Supreme“ bringt mir genau dieses Gefühl zurück. Auch wenn The Earwix ohne Zweifel eine Live-Band sind und nur dort ihre ganze Power entfesseln, kommt bei der entsprechenden Lautstärke exakt dieses Feeling auf, was ich mit meinen ersten Konzertbesuchen verbinde, bei denen The Earwix ziemlich oft präsent waren. Müsste ich für dieses Feeling ein Paradebeispiel nennen, wäre es „Off The Hook“. Hohes Tempo, schnell mitzugröhlen und durchzogen von Gitarrenriffs. Diese Attribute treffen auf das gesamte Album zu. Erst jetzt im Nachhinein fällt mir auf, dass ich mich für andere, größere Bands unbewusst, aber mutmaßlich durch diese Erfahrungen geöffnet habe. Höre ich heute den Earwix-Titel „Draw Your Sword“, schießen mir sofort Turbonegro in den Kopf, die ich aber weitaus später als The Earwix kennenlernte. Ich kam also durch die Einflüsse einer Band aus meiner Gegend erst auf die Einflüsse an sich. Heute mag ich beide. Es kann sich also durchaus lohnen, den unbekannten Bands aus der eigenen Gegend einfach mal eine Chance zu geben und eine Show zu besuchen. Nur so können diese Gigs weiterhin existieren.

Mein MacBook läuft einwandfrei. Allerdings hat beim Start des Albums ein Rauschen und Knacken meiner Boxen eingesetzt. Ein bekanntes und leicht zu behebendes Problem bei MacOS, aber dennoch kein guter Start für das Album. Ich höre Rockmusik. Ich mag Hardcore, Punk, Emocore und hab auch mal in einer Band „gesungen“ die ähnlich wie The Earwix klang (nur nicht so professionell). Spaß macht die Musik ja, aber auch wenn wir damals von Motörhead inspiriert waren, habe ich unsere Art der Rockmusik nie wirklich gehört. Der Sound berührt mich einfach nicht. Würde ich die Band live erleben, hätte ich am nächsten Tag wohl Nackenschmerzen und blaue Flecken, weil diese Art der Musik einfach für abgeranzte Läden mit billigem Bier und dem Duft von Schweiß und Zigaretten gemacht ist und dort auch einfach super funktioniert. Ich würde mir allerdings niemals ein Album wie dieses zu Hause anhören. Die Musik ist gut produziert, die Band hat ohrenscheinlich Spaß an der Sache und das Album ist abwechslungsreich, aber während des Hörens habe ich überlegt, was ich lieber hören würde. Das soll das Album nicht beleidigen, aber wie bereits erwähnt gehört diese Art der Musik, meiner Meinung nach auf eine Bühne, während es Bier regnet und nicht auf CD oder MP3.

Schnell, laut, wild und ungestüm wird hier dreckiger Rock’n‘Roll mit Punk-Appeal präsentiert. The Earwix tragen ihren Namen allerdings nur teilweise zurecht. Die Songs gehen ausnahmslos schnell ins Ohr und verlangen direkt Körpereinsatz beim Hören, selbst sitzend kommt man ums Mitnicken und -wippen nicht herum. Wirklich langlebige Ohrwürmer setzen sich in meinem Kopf allerdings nicht fest. Viel mehr stellt sich schon während des ersten Hördurchlaufs die Vorahnung ein, wie die übrigen Tracks klingen werden. Keifender Gesang, saubere Gitarren-Riffs und rastlose Drums wetteifern miteinander und gewähren keine Atempause. Direkt mit dem Opener gerät man in den wilden Strudel der energiegeladenen Songs, aus dem man sich erst am Ende des 33-minütigen Ritts befreien kann. Das Tempo bleibt durchweg rasant, die Songs einfach gestrickt und die Instrumentalstimmen stets makellos eingespielt. Das zeugt zwar davon, dass die Band ihr Handwerk wirklich versteht, allerdings wünsche ich mir bei dieser Art der Musik mehr Mut zum Makel - beispielsweise bin ich großer Fan vom schäbigen Garagen-Sound von The Monsters. Insofern kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen, wenn sie The Earwix ein hohes Live-Potential zusprechen. Gerade, wenn nicht jeder Ton perfekt sitzt und die Band-Mitglieder stattdessen in wilder Ekstase auf der Bühne wüten, könnte „Animal Supreme“ mit voller Wucht einschlagen.

Das sind die Momente, in denen ich dieses Format so liebe! Denn diese Platte ist einfach der Hammer! Die Melodien gehen sofort ins Ohr und mit den gebrüllten Lyrics werde ich das Gefühl nicht los, dass sich jemand zu dieser Musik prügeln soll. Ja, ich glaube, wenn irgendjemand auf die Idee kommt, mir die Produktion eines Filmes zu überlassen, werden viele Prügeleien vorkommen, die alle mit Tracks von „Animal Supreme“ unterlegt sind. Bis ich dann selbst vor die Kamera trete und mich in einer Matrix-3-Szenerie zu „Peace Of Meat“ mit hunderten Agent Smiths schlage. Jetzt bin ich abgeschweift. Wo waren wir gerade? Was ist denn das eigentlich genau? Ist das eine krude Form von Rock 'n' Roll? Oder Punk? Oder Metalcore? Und vor allem, woher kommt dieser Adrenalinschub beim Hören? Und zu guter Letzt, haben die das beim Schreiben von Roadhouse auch die ganze Zeit gehört?