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Im Kreuzverhör #7: .nebula - "Gallery"

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Di, 23.10.2018 - 18:34
Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Joe funky Vaporwave von .nebula in den Ring.

Vaporwave ist in den letzten Jahren zu meinem Hauptgenre geworden. Ich liebe Hardcore, vor allem Post- und Melodic-Hardcore, und Trent Reznor bleibt wohl für immer mein musikalischer Held. Aber vor allem Hardcore kann auch manchmal nerven. Wenn ich nicht weiß, was ich hören soll (und das passiert oft), höre ich entweder Nine Inch Nails oder Vaporwave. Bandcamp ist da eine Goldgrube und einige Seiten bieten es auch an, zu einem festen Betrag ALLE Releases zu erhalten. Da zahlt man gerne mal einen Euro für 300 Alben. Unter einem dieser etlichen Alben entdeckte ich den Kommentar, dass dieses Album den Hörer sehr an „Gallery“ von .nebula erinnere, welches ein wichtiges Album für das Genre sei. Also gesucht, reingehört und gekauft.

Wichtig bei „Gallery“ ist, dass es als eines der Alben gilt, welche den Future Funk im Vaporwave und auch Vaporwave selbst mitdefiniert haben. Neben Saint Pepsi und Co. wird es aber immer ein bisschen vergessen. Es gehört zu den Alben, welche geholfen haben, das Genre zu formen. Vaporwave wird einmal im halben Jahr für tot erklärt, nicht zuletzt auch vom großen Label Dream Catalogue, und doch lebt er bis heute und wächst und gedeiht, auch Dank .nebula.

„Gallery“, erschienen 2014, hat eine wundervolle Atmosphäre. Es hat diesen 80s/90s-vibe, Funk und erinnert an die ersten Kontakte mit Computern für viele Menschen. Einspieler für „Windows Exchange“, welches es seit 1993 gibt, und Songtitel wie „Installation“, „Uninstallation“ und „internal error0x00000040“ schaffen eine Welt voll von Erinnerungen an Windows 95 und Röhrenmonitore. Gleichzeitig regen Titel wie „TONIGHT“ oder „WORLDWIDE“ zum Tanzen an und „ON-LINE“ lädt einfach zum Entspannen ein. „Gallery“ lässt sich schwer beschreiben, aber müsste ich es tun, wäre es wohl eine merkwürdige Mischung: Windows 95, TRON, Funkmusik, eine dieser Relax-CDs aus dem Verkaufsfernsehen, nächtliche Autofahrten, Sommer, Liebe und all das wird in einen Mixer gesteckt, mit Schirmchen serviert und vor dem warmen Leuchten eines 17 Zoll-Röhrenmonitors als einzige Lichtquelle im Raum verzehrt. Es ist Freitagabend, du hast das Wochenende frei und die Nacht gehört dir. Es klingt auch ein bisschen so, wie man sich Robert T-Online vorstellt, wenn er „Sexual Healing“ singt. Das Bild kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Tut mir leid.

Das Album ist Zeitreise in Zukunft und Vergangenheit zugleich. Es klingt wie Windows 95 in VR. „Gallery“ ist weder hektisch, noch lahm. Kein einziges Lied ist fehl am Platz und all die Samples, Loops und Effekte nehmen mich als Hörer jedes Mal voll ein. Im Vaporwave ist der Hang zu Konzeptalben sehr groß und nimmt teils abstruse Formen an. Da wird auch gerne mal das Leben eines Sexroboters in der Zukunft thematisiert. Ob „Gallery“ als Konzeptalbum angelegt wurde, weiß ich nicht, aber es fühlt sich so an. Der sanfte Einstieg, die Höhepunkte und dann das langsame Hinausgeführtwerden. Für mich eines der besten Vaporwave-Alben überhaupt, allein wegen der Atmosphäre. Vaporwave mag sterben, vielleicht auch nicht, aber ich werde auf jeden Fall meinen akustischen grauen PC mit der Cherry-Tastatur noch oft booten lassen.

Joe lädt zum neuen Kreuzverhör ein. Dieses Mal ist „Gallery“ von .nebula das Thema. „.nebula“ sind Vertreter des Vaporwave. Ich gebe zu: Ich habe bis vor ein paar Wochen noch nie etwas von diesem Genre gehört. Die von Joe erstellte Beschreibung zu dem Album klingt jedoch schon interessant. Das Album beginnt mit dem Track „Installation“ -  ein gesprochenes Intro, welches den Hörer in die Welt von „Gallery“ einführen soll. Die Hintergrundmelodie im Intro erinnert mich stark an Serien- und Filmmeldodien der 80er und frühen 90er. Eine Zeit, in der viel mit Synthieffekten gemacht wurde. Das Ganze zieht sich durch das Album durch. Immer wieder kommen einem Filme und Zeichentrickserien in den Sinn. Synthesizer gepaart mit Saxophon lassen das Ganze wie Minimal-Electro erscheinen. Da ich eigentlich eher Fan von Rockmusik bin und wenig mit Elektro anfangen kann, hatte ich zunächst etwas Bedenken. Tatsächlich kann man das Album aber gut nebenbei laufen lassen, ohne dass es anstrengend wird. Im Gegenteil, es baut eine beruhigende Stimmung auf. Ein großer Fan werde ich wahrscheinlich trotzdem nicht werden. Aber immer mal wieder nebenbei kann ich mir das schon anhören. Schön finde ich auch die verschiedenen Stilmittel, die eine kleine Hommage an die ersten Computer sind. Diejenigen, die die damaligen Computer noch kennen, werden sich gerne zurückerinnern, wie es damals war. Das Einzige, was ich vermisse, ist der quietschende Sound eines alten Diskettenlaufwerkes. An sich ist „Gallery“ eine gute Empfehlung für die, die gerne vor sich hinträumen und einfach mal Musik nebenbei zum Entspannen hören wollen.

Es gibt also Musikrichtungen, von denen ich inklusive ihrem Namen noch nie etwas gehört habe: Vaporwave gehört dazu. Eine kurze Recherche musste ich vor meinem ersten „Im Kreuzverhör“ über dieses Album einfach anstellen. Das Intro gibt mir wie so oft wenig Aufschluss über die folgende Musik, die anschließenden acht Tracks dafür umso mehr. „Gallery“ entspricht genau meiner Vorstellung, die ich mir vorher aus Neugier angelesen habe. Musik längst vergangener Tage, in diesem Fall der 1970er bis 1990er, wird gesamplet in ein neues elektronisches Gewand gepackt. Das ist mir nichts neues und in der heutigen Elektroszene gang und gäbe. Mir persönlich hat elektronische Musik aber noch nie etwas gegeben und mir fällt keine Situation ein, in der ich mir ein Album wie „Gallery“ auch nur einmal am Stück anhören würde. Dafür geht die Musik einfach zu sehr an meinem persönlichen Geschmack vorbei und mir die Titel zu monoton. Dennoch fällt es mir schwer, Titel wie „12 AM“ oder „on-line“, welches von der Stimmung sehr an Cyndi Laupers „True Colors“ erinnert, gänzlich abzulehnen. Vor allem Musik der 80er hatte schon immer einen Platz in meinen zugegeben sehr vielfältigen musikalischen Vorlieben. Ich kann mir daher sehr gut vorstellen, dass der eine oder andere zu „Gallery“ vollends abschalten kann und ins 80er-Feeling abtaucht. Ich kann es aus genannten Gründen nicht.