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Im Kreuzverhör #6: Emigrate - "Silent So Long"

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Fr, 14.09.2018 - 17:53
Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Marco großflächige Industrial-Gewalt von Rammstein-Nebenprojekt Emigrate in den Ring. Als Gäste sind diesmal die ehemalige Starkult- und seit kurzem Cargo-Records-Mitarbeiterin Leonie sowie Schmutzki-Sänger Beat dabei.

Rammstein dienen als gemeinsamer Nenner für Dialoge mit Rock-adversen Mitmenschen. Im Zweifel kann man sich auf die cineastische Bühnenshow, Klassiker ihres Repertoires oder diverse Skandale berufen und schon verleitet man die Kritiker zu folgendem Statement: „Okay, einen gewissen Charme haben die ja schon - Mein Ding ist es trotzdem nicht.“ Finanzielle Gründe werden ihren Gitarristen Richard Z. Kruspe 2005 nicht bewegt haben, ein Soloprojekt zu initiieren. Das Debüt der international zusammengesetzten Band „Emigrate“ wirkte noch ein wenig wie die englischsprachige Darbietung von Rammstein. „Silent So Long“ (anno 2014) warf als Nachfolgewerk jene Fesseln ab, überraschte Fans und Kritiker gleichermaßen und erntete erwartungsgemäß gemischte Kritiken. Die untypisch wirkende Auswahl der Kollaborationen (Lemmy Kilmister und Frank Allessa Dellé einte seinerzeit wohl nur ihre Tätigkeit als Musiker) macht sich definitiv bemerkbar. Ich kann die kontroverse Wahrnehmung nachvollziehen, ohne sie dabei zu teilen. „Eat You Alive“ ist im C-Part ein hammerharter Rulebreaker des eingeschränkten Rammstein-Kosmos und wer bitteschön war im Vorhinein nicht auf das enthaltene Featuring gespannt? „Rock City“ dürfte jeden Rockfan/Metalhead fesseln, gesanglich steigert sich Kruspe ebenfalls („Born On My Own“) und geradlinige Haareschüttler sind in mannigfaltiger Form („Givin Up“ oder „Faust“) enthalten. Stilistische Grenzgänger, wie „Get Down“ oder „Happy Times“, komplettieren "Silent So Long" - ein großgedachtes Album, zu groß für so manchen Kritiker. Insgesamt ordnet sich die Neue Deutsche Härte brav unter. Es scheint wie die „New German Creativity“ und ich freue mich über die kürzlich veröffentlichten, etwas überraschenden Lebenszeichen von Emigrate. Billy Talent werden gemäß der bandeigenen Facebookseite etwas beisteuern und weil man Herrn Kruspe vielerlei Dinge zutrauen kann, steigt die Spannung exponentiell an.

Emigrate klingen für mich nach Kindheit 2.0. Meine musikalische Früherziehung bestand aus einer Kombination aus Musikschule, Radio-Pop und Hard Rock, die erste Live-Band war Dank väterlichem Einfluss Rammstein. Ich habe mich tatsächlich nie mit Emigrate beschäftigt; ich wusste zwar um ihre Existenz und dass es Richard Kruspes „Nebenprojekt“ war, aber das hat mir auch gereicht. Nun frage ich mich, warum überhaupt? Nicht nur auf ihrem selbstbetitelten Debüt, sondern auch auf „Silent So Long“ zeigen sich Emigrate so viel besser. Nicht nur besser als Rammstein – die letztlich eigentlich immer gleich klingen (von den textlichen Undingen mal ganz zu schweigen) – sondern sogar besser als viele Bands aus diesen oder ähnlichen Gefilden. Es dürfte nicht nur Kruspes jahrelangem Networking, sondern vor allem der tatsächlich interessanten Musik zu verdanken sein, dass dort auch unter anderem Jonathan Davis, Lemmy Kilmister und Marilyn Manson mitgewirkt haben. Mittlerweile höre ich diese Musik nicht mehr, und obwohl „Silent So Long“ nie auf meiner Rotation war, ist es eine schöne Rückblende zu der Zeit, die mich zu dem Menschen gemacht hat, der nun hier sitzt und diesen Text schreibt.

 

Ich bin, trotz obsessiver Liebe für Nine Inch Nails, kein all zu großer Industrial-Rock/-Metal-Hörer. Und Rammstein halte ich, so sehr ich sie mögen will, für maßlos überbewertet. Dennoch war ich auf das Album gespannt. Abwechslungsreich und mit Überraschungen beladen kommt „Silent So Long“ daher und bietet bei elf Songs immerhin sechs mit Gastmusikern. Und genau da liegt die Schwäche des Albums. Ich erkenne kein wirkliches Profil bei der Band. Jeder Track klingt völlig anders und der rote Faden fehlt mir. Der Song „Get Down“ mit Gastsängerin Peaches klingt nach einer Mischung aus Oomph! und Ladytron, während „Rock City“ mit Lemmy eher nach einer braven Version von Ministry klingt. Da hatte ich mir echt mehr erhofft. Manson singt auf „Hypothetical“ mit und macht den Song direkt zu einem der seinen. Die Songs ohne Gastsänger sind nett, aber eher langweilig. Handwerklich ist das alles gut gemacht, aber erreicht mich nicht. Die Musik langweilt mich und die Texte, so nett sie teils geschrieben sind, auch. Es fehlt mir an Emotionen. Das Album ist nicht wütend, es ist nicht depressiv, es ist einfach nur irgendwie da. Da nehme ich dann doch lieber Rammstein.

 

Wenn man als Rockstar alles erreicht hat, inklusive High-End-Studio im eigenen Keller, liegt es nahe, ab und an einen kleinen Soloversuch zu wagen. Herr Krupse kennt offensichtlich auch so einige andere Superstars, die wohl schlecht "Nein" sagen können, wenn der Rammstein-Gitarrist aus dem Untergeschoss ruft. Und selbst will er natürlich auch mal singen, verständlich, nach Jahrzehnten in der zweiten Reihe. So richtig zünden will jedoch keiner der Songs bei mir, die irgendwo zwischen dem Sound von Krupses Hauptband und radiotauglichem Amirock mit Industrial-Anstrich angesiedelt sind. Wo mir Rammstein durch die konsequente Polarisierung doch irgendwie sympathisch ist, fehlt mir hier einfach ein klares Profil und damit die echte Daseinsberechtigung dieser Platte. Auch die Beiträge der illusteren Gäste sind bestenfalls genießbar und wirken ein wenig uninspiriert. Da gefällt mir Lemmy bei "Rock City" noch am besten, aber Lemmy ist auch Lemmy und wird immer Lemmy bleiben, auch wenn Lemmy jetzt tot ist und gerade deswegen! Besonders enttäuschend ist für mich der Track mit Marilyn Manson. "Hypothetical" klingt, als käme er direkt aus der Outtake-Grabbelkiste des Alt-Schockers. Leider sind auch die gesanglichen Beiträge von Krupse nur so ganz okay und die Single "New York City" lässt mich mit ihrem Radiorock-Refrain leider ziemlich kalt. Vielleicht einfach nicht meine Musik, wahrscheinlich aber auch kein großer Wurf. Am Ende muss es dann doch wieder Lemmy richten...

 

Beim Verfassen dieser Zeilen bin ich ganz schön müde. Ich habe einen Bibliotheksmarathon hinter mir, weil ich insgesamt fünf Tage Zeit für eine Uni-Hausarbeit hatte. Die ist nun abgeschickt, aber ich bin völlig gebeutelt. Und dann auch noch ein Kreuzverhör, das Format, in dem wir uns einen Spaß daraus machen, uns gegenseitig mit seltsamen Platten zu quälen. Die erste Überraschung bei diesem Exemplar: Ich habe den Namen „Emigrate“ noch nie gehört, und trotzdem sehe ich Feature-Gäste wie Marilyn Manson und Jonathan Davis von Korn. Vielleicht ja doch gar nicht so verkehrt. Ich lasse die Platte laufen und werde von breitbeinigem Alternative-bis-Hardrock-Hymnus begrüßt. So weit, so grundsolide. In „Get Down“ dann der nächste Moment zum Augenbrauen hochziehen: Emigrate bewegen sich hier groovy über einen zyklisch klirrenden Beat und brechen erst ganz zum Schluss in Gitarrenstürme aus. Die Hochzeit von Elektronik und Rockmusik ist heutzutage nun wahrhaftig nichts mehr Neues, aber auf „Silent So Long“ scheinen sich beide Welten als gleichberechtigte Antagonisten gegenüberzustehen, anstatt dass die eine Komponente die andere nur als Beiwerk schmückt. Dadurch klingt diese Platte für mich deutlich weniger konstruiert als viele andere Genre-Versuche – durchaus interessant! Siehst du Jakob, war doch gar nicht so schlimm. Jetzt aber trotzdem ab ins Bett.