Im Kreuzverhör #36: clipping. und "Splendor & Misery"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Musik außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Kai Industrial-HipHop von clipping. in den Ring.
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Auf die abgedrehte Interpretation von HipHop, die das Trio clipping. aus LA produziert, bin ich zuerst vor ein paar Jahren über ein Video-Essay des YouTube-Kanals Polyphonic aufmerksam geworden. Ich war sofort angetan von den schneidenden Raps, auch wenn die musikalische Auskleidung vieler clipping.-Songs zugegebenermaßen ziemlich deckungsgleich mit der Bilderbuchdefinition des Wortes “sperrig” ist. Wenn Vocalist Daveed Diggs wie auf “All Black” einfach mehrere Minuten scheinbar ohne einmal zu atmen über einen “Beat” aus elektronischen Interferenzgeräuschen und Rauschen flowt, dann hat das mit klassischen Auffassungen von Melodien und Rhythmus relativ wenig zu tun. clipping sollte man sich definitiv auf Albumlänge nähern. Eingängige Ohrwurm-Banger findet man auf “Splendor & Misery” am ehesten noch mit “Air ‘Em Out”, und auch das würde ich noch als sperrig beschreiben. Was den Tracks manchmal an Zugänglichkeit fehlt, macht die Platte allerdings mit Atmosphäre mehr als wett. Von der ersten Sekunde an entfaltet das Album eine fast unbehagliche Klaustrophobie, die sich über die Gehörgänge legt wie die atemberaubende Leere des Weltraums. Der ist auch der Schauplatz der verwinkelten Geschichte von “Splendor & Misery”. Ein Gefangener auf einem Gefängnisschiff findet sich plötzlich völlig allein auf dem Schiff und trudelt von da an ziel- und hoffnungslos durchs All. Seine einzigen Gefährten sind fortan die Stimmen der Schiffs-K.I. Oder kommen die Stimmen vielleicht auch aus dem Unterbewusstsein des Protagonisten? Mehr möchte ich zur Geschichte von “Splendor & Misery” auch gar nicht sagen, clipping. machen das nämlich sowieso viel besser als ich. Also: anhören!

Kennt ihr diese strangen Videos, welche auf TikTok und Co. immer als „Video I Found On The Dark Web“ ausgeschrieben sind? Meist enthalten sie pseudo-verstörende Bilder und sind mit einer Kartoffel gefilmt. Nun ein Teil des Albums „Splendor & Misery“ der Band clipping könnte super unter eines dieser Videos gelegt werden. Meine erste Impression nach dem sehr nichtssagenden Intro war ein lautes „WAS?“ und danach ein leiseres „Hä?“. Entgegen schlugen mir pausenlose Raplines ohne Punkt und Komma. Im Hintergrund entweder komplette Stille, Störgeräusche oder irgendwelche anderen Interferenzen. Das gipfelte sehr schnell im Track „All Black“. Knappe sechs Minuten pure künstlerische Freiheit, wirklich fantastisch gerappt und durch die Musik im Hintergrund so schön skurril und teilweise auch etwas unbehaglich. All diese Gefühle und Zustände ziehen sich durch das gesamte Album. Teilweise fand ich mich irgendwo zwischen Verwunderung, absoluter Ungläubigkeit und Genuss wieder, zum Beispiel als erst „Break the Glass“ und danach „Story 5“ spielte. Diese folgen aufeinander, sind aber komplett verschieden. Ersterer ist ein reiner Raptrack, welcher ein Instrumental hat, dass aus einem Horrorfilm stammen könnte und letzterer ist ein Gospelsong (Bitte was?). „Baby Don‘t Sleep“ geht dann wieder zum ursprünglichen Konstrukt aus Maschinengeräuschen und rhythmischem Rap zurück. Der Rap-Part erinnert mich dabei stark an Hacktivist, diese aggressiven und monotonen Lines gehen direkt ins Mark und bleiben da auch etwas hängen. Das Album ist eine Achterbahnfahrt, eine Fahrt voller „HÄ-Kurven“ und „WAS-Loopings“. Einerseits bin ich davon hellauf begeistert, dann durch schrille Geräusche wieder verstört, nur um durch Songs wie „Story 5“ oder „A Better Place“ komplett verwirrt zu sein. Ich wüsste nun nicht, wie ich dieses Album einstufen soll und ob ich es empfehlen könnte. Falls ihr aber mal von schierer Einzigartigkeit überrumpelt werden wollt, könnt ihr ja gern mal reinhören. Tut euch aber den Gefallen und hört das Album von Anfang an, sonst könnte es die Wirkung verlieren!

 

 

Das Schöne daran, an einem Kreuzverhör von Kai teilzunehmen, ist immer die Tatsache, dass man bei ihm tatsächlich gute Musik serviert bekommt. Warum kriegen das die ganzen anderen leidenschaftlichen Folterknechte der Redaktion eigentlich nie hin? Als Kai zum Beispiel vor einigen Monaten mal Yussef Kamaals "Black Focus" zum kollektiven Hören vorgeschlagen hatte, ist das eines meiner meistgehörten Alben der letzten Monate geworden. So beweist der geschätzte Kollege auch hier also wieder Geschmack: Clipping wurde mir vor längerer Zeit schon einmal von Felix ans Herz gelegt und ein Rapper, der schon Platten bei meinem Lieblingslabel Sub Pop veröffentlicht hat, kann eigentlich so verkehrt nicht sein. Tatsächlich ist "Splendor & Misery" absolut abgefahren. Die Beats dürften eigentlich gar keine sein, weil sie viel zu oft den klaren rhythmischen Duktus vermissen lassen oder aber sich weit vom generischen Vier-Viertel-Schlag entfernen. Es ist eines der Wunderwerke dieser Platte, dass der Rap darüber tatsächlich so dermaßen on point ist. Garniert wird diese faszinierende Space-Odyssee mit zahlreichen Verrücktheiten und genialen Einfällen. A-Capella-Gesang, Gepitchte Stimmen, völlig manische Ästhetik - diese Platte macht richtig Spaß!

Fazit