Im Kreuzverhör #35: Sportsongs

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Musik außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal hat Moritz für unseren Themenmonat "Musik und Sport" eine Auswahl an exquisiten Fußballsongs zusammengesucht.
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Nun, dieses Kreuzverhör bietet mir Freud und Leid zu gleichen Teilen. Freude, da ich das ein oder andere gequälte Gesicht quasi sehen kann, Leid, da ich stundenlang durch einen Pool aus Scheiße tauchen musste, um diese kleine Playlist zu erstellen. Und ich habe sie alle gehört. Von der Bundesliga in die Regionalliga (in letzterer mit einigen Abzügen, da ich einige der Vereine nicht mal kannte. Und nun könnte man meinen, nicht so schlimm, die Zahl ist ja überschaubar. Ist sie nicht! Denn die meisten Vereine halten sich ja gleich mehrere „Hymnen“. Ich habe Dinge gesehen und nicht nur einmal lief während des Sehens vor dem inneren Auge mein Leben an mir vorbei. Und ich war überrascht, wie oft „Die Legende lebt“ dabei lief. Meine Güte, ich komme aus Franken, da kommt man um den 1. FC Nürnberg nicht herum, außer man geht zu Fürth, Bayern München, oder wenn man sehr alt ist, zu 1860 München. Und ich lasse mich auch gerne zu jedem Scheiß mitreißen und nur weil ich eingeladen war, im Gästeblock bei Auswärtsfahrt von Mönchengladbach, habe ich die Songs halt mitgegrölt. Nüchtern betrachtet, was ich im Stadion selten bin, ist auch dieser Song einfach nichts. Immer häufiger komme ich zu dem Schluss, dass Fußball und Musik nicht zusammenpassen, was Quatsch ist. Es gibt einfach anscheinend kaum gute Musiker, die sich dem Thema widmen. Es scheint auch verdammt schwer zu sein, denn es sind selten die musikalischen Heroen, die Fußballlieder schreiben, nein, es sind Klausi, Jupp und Sepp, die „Da mal was für die Fans vorbereitet haben um sich einzustimmen ;)“. Doch es sind nicht nur Deppen, die diesen Müll publizieren. Timm Thoelke veranstaltet regelmäßig Roasts und das macht er ziemlich gut, Julius Fischer ist Poetry Slammer, Autor und Podcaster und das macht er alles ziemlich gut. Aber „Die Crew von RB Leipzig?“ Ist das deren Ernst? Ich habe mich entschuldigt, so sehr habe ich mich geschämt! Ich erntete nur Missverständnis meines Bruders, der hatte nichts davon mitbekommen. Und dann muss doch wieder Weekend kommen, der nicht nur den Rap, sondern auch diese Kategorie rettet. Ja, der Song wurde zur Präsentation des neuen Trikots der letzten Saison veröffentlicht und ich konnte und kann die Rufe „Kommerz! Ausverkauf!“ hören, doch jede Zeile hat so viel Herz und Haltung und zeigt wofür Schalke stehen möchte und zu großen Teilen auch steht. Meine Güte! Warum müssen Vereinshymnen denn immer auf so ein unterirdisches Niveau gehen? So langsam habe ich das Gefühl, dass diese Kreuzverhörrubrik meinerseits gar keine so gute Idee war.

Ein guter Freund von mir ist Fan von Bayer Leverkusen. Gewohnterweise starte ich meine Beiträge zum berüchtigten Format Kreuzverhör gerne mit Witzen oder lockeren Sprüchen. Doch das hier ist keiner und die Behauptung absolut wahr! Dass mein eigener Verein in Gelsenkirchen beheimatet ist, ist spätestens seit dem Erscheinen des Interviews mit den Lokalmatadoren in diesem Themenmonat kein Geheimnis mehr. Dennoch besuche ich gerne und regelmäßig jegliche Fußballspiele und Stadien. Fahre ich irgendwo in den Urlaub, schaue ich erst einmal, welche Städte drumherum liegen und wo in dieser Zeit ein Spiel stattfindet. Passt dann alles zusammen, wird jedes Spiel mitgenommen, egal in welcher Liga. Viele der hier präsentierten Hymnen und Songs sind mir bestens bekannt und wenn ich sie mir anhöre merke ich doch wieder, wie viel besser sie einfach im Stadion mit hochgereckten Schals funktionieren. Ich habe mich dazu entschieden, euch meine Geschichten zu denen zu erzählen, zu denen Geschichten existieren. „Live“ erleben durfte ich von diesen Acht immerhin schon Drei, unter anderem Dirk Mavericks Leverkusen Hymne (das war kein Scherz!). Und das wohl mittlerweile beinahe zehn Mal. Dass sich Dirk jedes zweite Wochenende wieder mit seiner Gitarre vor die Leverkusener Kurve stellt, ist positiv zu betonen. „Die Legende lebt“ vom FC Nürnberg sorgte sowohl beim letzten Schalker Auswärtsspiel in Franken (Liebe Nürnberger, ich freu mich auf 2022!) als auch bei jedem Gastauftritt des „Club“ bei uns im Ruhrpott für Gänsehaut (aufgrund einer Fan-Freundschaft laufen bei jedem Spiel beide Vereinshymnen). Auch Nina Hagens „Eisern Union“ durfte ich im Jahr 2019 in der alten Försterei von ganz Köpenick inbrünstig zelebriert erleben. Ein wahrlich verrückter Song, in dem das ganze Stadion „WER LÄSST SICH NICHT VOM WESTEN KAUFEN?!“ brüllt. ABER: Eine wahnsinnig passende und gut funktionierende Nummer, nach wie vor. Ich schlage die Brücke zu meinem Verein Schalke 04. Auch wenn unser „Vereinslied“ nicht ins Kreuzverhör gerutscht ist, so doch der zur Trikotpromo produzierte Track „Eine Liebe“ des aus Gelsenkirchen stammenden Rapper Weekend. 16 Monate ist das letzte Schalker Heimspiel vor Zuschauern her, ein Heimspiel davor war ich das letzte Mal in GE. Es wäre schlichtweg eine Lüge, wenn ich behauptete, dass mich dieses Video nach dieser langen Zeit kalt lassen gelassen hätte. Dass der Song von einem von mir ebenfalls gefeierten Musiker stammt, rundet diese Geschichte (trotz Promomove) wunderschön ab. Übrig bleiben der wohl beinahe weltbekannte „Stern des Südens“ sowie ein Song zu Borussia Mönchengladbach. Trotz der Tatsache, dass diese beiden rein musikalisch wohl am besten zu diesem Fanzine passen würden und auch wenn ich „Die Elf vom Niederrhein“ im Rahmen eines Betriebsausflugs im Gladbacher Stadion mit anhören musste, fehlt mir der aufgrund lange vorherrschenden und nun leider vergangenen sportlichen Konkurrenz jeglicher Bezug. Über den letzten ausstehenden Titel möchte ich nicht sprechen. Und Bremen habe ich vergessen! Entschuldigung nach Bremen, aber das ist ein fieser Ohrwurm. Da muss man sogar im Gästeblock aufpassen, nicht zu laut mitzusummen.

Die viel beschworene Fußballtradition trifft in dieser KV-Ausgabe auf Konstrukte, die offen und ehrlich zu ihrer kommerziellen Ausrichtung stehen. Ein Spiel hat 90 Minuten, das Runde muss in das Eckige und Moritz darf sich als Schöpfer dieser unvergleichlichen Playlist auf polarisierende Rückmeldungen freuen. Auf einer unwegsamen Reise von pathetischer Volksmusik über zweifelhafte Hip-Hop-Allüren bis hin zu kernigen Rockröhren muss man eine teils hohe Belastungsgrenze aufweisen, um nicht vollends in Selbstmitleid zu versinken. Klammern wir also jegliche Antipathie/Sympathie für oder gegen die einzelne Clubs aus und fokussieren uns vollends auf die dargebotenen „Leckerbissen“, so darf man Borussia Mönchengladbach zu einem rar gesäten Positivbeispiel beglückwünschen. Über die  Haus-Maus-Reime einer Schülerband kommt die offizielle Hymne zwar zu keinem Zeitpunkt hinaus, das muss sie aber auch gar nicht. Es soll eine funktionale Ebene bedient werden und das gelingt tadellos. Belege hierfür erlebt man Woche für Woche im Borussia-Park und auch über die Stadtgrenzen hinaus ist ebenjener Treueschwur durchaus en vogue. Der „Stern des Südens“ wird wohl alle kommenden Generationen in zwei Lager spalten und dabei gleichzeitig für unvergleichlichen Erfolg und unternehmerischen Sachverstand stehen. Auffällig ist die wiederkehrende Nähe zu Klassikern aus dem Hause Pur. Ob nun die Werks11 aus Leverkusen oder die Legende des 1. FCN: Ohne bierselige Schunkelmelodien und einen Hauch von Dorffest wird es wohl nie gehen. Bemerkt jemand den aufkommenden Geruch von frisch gemähtem Rasen? Sieht jemand das Flutlicht vor seinem geistigen Auge? Gut, dann bescheren wir diesen harmonischen Momenten mit der „Crew“ aus Leipzig ein jähes Ende. Das Musikerduo hat es geschafft, eine beachtliche Portion Fremdscham in gute vier Minuten Spielzeit zu überführen. Auch mit Nina Hagens Loblied auf Eisern Union kann ich nur sehr bedingt Freundschaft schließen. Am Beispiel des S04 sieht man hingegen, wie es besser laufen kann. Weekend fängt die kulturellen Begleiterscheinungen eines Heimspiels bestens ein und transportiert gleichzeitig viele jener Werte, die den modernen Fußball trotz kommerzieller Ausrichtung so einzigartig machen. Als bekennender Anhänger der Arminia aus Bielefeld empfehle ich abschließend Caspers Stadionhit. Ein wenig Lokalpatriotismus sei gestattet, nicht nur in Düsseldorf.

Mir scheint es an dieser Stelle Zeit, noch einmal an die Ursprünge des mittlerweile zu Gold gewordenen Kreuzverhör-Formats zu erinnern. Wer sich in die Annalen von Album der Woche einmal einliest, der wird feststellen, dass dieses Format ursprünglich einmal für klangliche Herausforderungen gedacht war und eine Plattform werden sollte, über die unsere Autor*innen auch ihre ungewöhnlichen Vorlieben ungehemmt zur Schau stellen konnten. Im Jahr 2021 ist das Kreuzverhör mehr denn je eine gewichtige Aufgabe, aber vor allem deswegen, weil es schlicht zur akustischen Folterkammer verkommen ist, die ganz bewusst einfach nur grausam sein möchte. Wahrscheinlich könnte keine Ausgabe dieses Formats die Entwicklung besser darstellen als diese hier: Mal ernsthaft, es geht um Fußballhymnen. Die sind schon von der Idee zum Kotzen: Während einem nämlich schon bei den meisten Nationalhymnen ob des überschwänglichen Pathos die Galle hochkommt, man dort aber wenigstens noch berühmte Komponisten wie Joseph Haydn die Sache hat regeln lassen, sind Vereinshymnen einfach nur unerträglicher Schlager und Stadionrockpathos. Inhaltlich lassen sich quasi alle auf die selben Floskeln herunterbrechen - warum dann überhaupt eine machen, wenn es mit der Identität doch scheinbar echt nicht so weit her ist? Ob es nun der überaus erfolgreiche FC Bayern oder die meistens eher in der zweiten Garde spielenden Union Berlin sind, alle gewinnen sie immer, alle haben die besten Stimmung in der Kurve, alle stürmen gemeinsam vor, alle schießen endlos viele Tore, alle wollen genau "mein Verein" sein und alle sind richtig scheiße. Da mag man kaum glauben, dass ausgerechnet RB Leipzig in der von Moritz zusammengestellten Liste hier den originellsten Titel vorzuweisen hat. Gut, das mag daran liegen, dass es dieses Energydrink-Sponsoring-Projekt ja auch erst seit gefühlten drei Tagen gibt und der Verein so tatsächlich einen zeitgemäßen "Rapper" ins Boot holen konnte. Das dachte sich übrigens wohl auch Weekend, der seinem FC Schalke mal fix einen eigenen Song gewidmet hat. Aber so richtig überzeugen kann der ja eigentlich ziemlich talentierte Wortakrobat da auch nicht. Vielleicht ist Fußball ja auch gar nicht so spannend, als dass man da mehr als Floskeln rausbringen könnte. Ich würde mich allerdings sehr gerne vom Gegenteil überzeugen lassen. Können The Hirsch Effekt nicht mal was über Hannover 96 schreiben?