Im Kreuzverhör #28: Haste The Day - "Pressure The Hinges"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Mark christlichen Metalcore von Haste The Day in den Ring.
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„Haste the Day ist eine christliche Metalcore-Band aus Carmel, Indiana“ - Zugegebenermaßen könnte ein Wikipedia-Artikel für meine Kreuzverhör-Gäste wohl auch vielversprechender beginnen und eben dieser Artikel wird durch den Auszug „Im Juni 2008 musste der Gitarrist Jason Barnes die Band verlassen, da er laut eigenen Aussagen nicht mehr gläubig ist“ für euch wahrscheinlich nicht besser. Dennoch haben Haste The Day seit vielen Jahren ihren Platz im Kreis der Bands und KünstlerInnen, die ich sehr regelmäßig über einen langen Zeitraum hinweg GERNE höre. „Pressure The Hinges“ steht dabei stellvertretend für nahezu das gesamte Schaffen der Gruppe bis inklusive dem Album „Attack Of The Wolf King“. Beinahe hätte ich euch „Concerning The Way It Was“ mit einer Länge von über zwei Stunden aus dem Jahr 2010 serviert, welches alle Tracks der ersten drei Platten beinhaltet. Um euch einen ersten Eindruck vom Sound der Carmeler (?) zu vermitteln, sollten 48 Minuten jedoch ausreichen. Ich bin (noch) jemand, der eine ganze Schubkarre mit den CDs vollladen könnte, die ich in meinem Auto jeden Tag von A nach B und zurück befördere (ich nehme mir aber immer wieder vor, mich zu bessern). „Pressure The Hinges“ ist eine der wenigen Platten, die nicht dem regelmäßigen und dennoch absolut willkürlichen Rotationsprinzip zwischen Autotür / Mittelkonsole / Handschuhfach und CD-Regal unterliegt und fährt seit Jahren mit mir durch die Welt. Dabei ist das Prinzip von Haste The Day so einfach wie im Metalcore klassisch: Die Strophen scheppern (meistens) und die Refrains sind melodiös und clean gesungen. Haste The Day folgen diesem Prinzip jedoch keineswegs so streng wie ihrem Glauben. „Servant Ties“ lässt den cleanen Worten deutlich mehr Spielraum, „Janet’s Planet“ schmeißt das Konzept "Strophe-Refrain-Strophe" komplett über den Haufen und besteht wohl nur aus Strophen. Am eindrucksvollsten für die Musik der Band steht für mich jedoch der Song „Stitches“, den ich hier unbezahlt als absoluten Anspieltipp platzieren möchte. Da tut es mir fast schon immer etwas weh, wenn ich mal jemanden an Bord habe, der mir voreilig kopfschüttelnd „Krach“ zu hören unterstellt, da die Band in ihren melodischen Refrains über Alben hinweg wirklich schöne Klänge produziert hat. Wer Gefallen am Metalcore von Haste The Day gefunden hat, sollte zudem unbedingt den Sprung ins Album „Burning Bridges“ wagen und sich fünf Minuten auf „American Love“ einlassen. Ihr werdet merken weshalb.

Als Mark mir „Pressure The Hinges“ als christliches Metalcore-Album vorstellte, war ich nicht gerade angetan. Metalcore war noch nie mein Fall gewesen. Christliche Rockmusik noch weniger. Beides langweilt mich durch den Bombast, der in diesen Genres anscheinend unabdingbar ist. Und auch Haste The Day spielen keine subtile Musik. Sie beherrschen ihre Instrumente und zeigen das auch gerne. Nach ein paar Songs kennt man die Elemente, die in unterschiedlichem Mischverhältnis die Songs prägen: eingängige Riffs, Breakdowns und der Wechsel zwischen Growling und Cleangesang.
Und gerade, als ich mir sehnlichst Abwechslung wünsche, kommt „Janet‘s Planet“ langsam und groovig um die Ecke: mit einem Phaser-Effekt auf der Stimme und nur minimalen Riffvariationen wirkt der Song geradezu psychedelisch. Dieser auf dem Album einzigartige Song ist mein Highlight, denn es folgen darauf wieder nur Variationen des gleichen Metalcore-Themas, manchmal durch etwas Alternative („Stitches“) oder Nu Metal („Akeldema“) ergänzt.
Alles, was das Album ausmacht, kulminiert im letzten und längsten Song „Chorus of Angels“ sowohl soundtechnisch als auch inhaltlich: Der Song erzählt von der Apokalypse, einem Thema, das in der amerikanisch-christlichen Popkultur ziemlich beliebt ist. Diese ist geprägt von der evangelikalen Auffassung, dass die individuelle Erfahrung das Wichtigste im Glauben ist, und so gibt es auf „Pressure The Hinges“ meist sehr persönliche Geschichten von Zweifeln und Liebeskummer.
Mit diesen Themen passen Haste The Day sehr gut in die Metalcore/Screamo-Szene der 2000er, in der christliche Bands ja nichts ungewöhnliches waren. Dort, zwischen blessthefall und As I Lay Dying, können sie von mir aus aber auch gerne bleiben.

Another month, another Kreuzverhör. Um es mit Kurt Krömer zu sagen: “Dann wolln wa ma schaun wat uns die Katze diesmal vor die Tür jelecht hat.” Mark steuert das Drittlingswerk der christlichen Metalcore-Band Haste The Day bei. Aha. Da bin ich natürlich genau der richtige Ansprechpartner. Nicht. Ich kann weder mit Metalcore noch mit Religion besonders viel anfangen. Meine Eltern haben mich getauft, aber da hören meine Berührungspunkte mit der Kirche dann auch auf. Aus musikalischer Sicht fand ich “Pressure The Hinges”, in einem Wort, unterwältigend. Klar, da ist alles drin, was man von einem waschechten Metalcore-Album erwartet: Breakdowns (die sich auch per FAX ankündigen könnten, so offensichtlich hört man sie kommen), Wechselspiel zwischen Shouts und cleanen Gesangspassagen (wahlweise in hyper-maskuliner Grummelgrowlmanier, oder aber in hymnischen Choralgesängen - das ist dann wohl der Einfluss aus dem Kirchenchor), und natürlich ordentlich brachiale Gitarrenriffs (die finde ich tatsächlich streckenweise recht unterhaltsam). Das war's dann aber auch, abgesehen von ein paar Ausnahmen wie "Janet's Planet", der mich dann doch kurz mal aufhorchen lässt. Kurz um: Mich kriegt’s maximal zum abwesenden Kopfnicken, mehr Bewegung kitzelt “Pressure The Hinges” leider nicht aus mir heraus.