Im Kreuzverhör #21: WassBass- "The Germans From The Future"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Mark schwer zu definierenden Electronic-Hardstyle vom Produzenten-Duo WassBass in den Ring.
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Es war im November 2012. Mein siebzehnjähriges Ich befand sich auf dem totalen Callejon-Trip. Das Konzert in der Live Music Hall in Köln wird später in Erinnerung bleiben, weil während dem Auftritt von Callejon einige Quadratmeter der Decke auf das Publikum krachten und einige Verletzte forderten. WassBass sind an diesem Abend Vorgruppe, nur weiß spätestens mit dem Beginn des Auftritts keiner im Publikum WARUM. Wer mit den zu diesem Zeitpunkt zwei existierenden "Porn From Spain"-Songs vertraut ist, erkennt zumindest einen der Protagonisten. Die Band besteht aus Nico von K.I.Z. und seinem Kollegen Grzegorz Olszówka, beide produzieren unter dem Bandnamen auch Beats für K.I.Z. und sind mit eigenen Technosongs diverse Male im Vorprogramm von diesen aufgetreten. Der Großteil der metalcoreverwöhnten Gäste fand den Auftritt so überhaupt nicht witzig und absolut deplatziert. Einige, und da ich genau die richtige Begleitung dabei hatte gehörten wir dazu, ließen sich die Bässe um die Ohren wummern und uns einfach mal darauf ein. So freute ich mich nicht nur auf den erneuten Auftritt im Rahmen der Wiederholungsshow im E-Werk, sondern hatte auch pünktlich zum Release „The Germans From The Future“ im Briefkasten.

Das Management „Beat The Rich“ hat im Rahmen der Promo die Aussage formuliert, es gehe darum, den eigenen Willen im Gehirn der Zuhörer zu zerstören. Um dieses Ziel zu erreichen lebt die Platte von krachenden Bässen, die durch den Einsatz vom „War From A Harlots Mouth“-Drummer Paul Seidel umso intensiver sind, in Kombination mit verspielten Melodien und Synthie-Klängen sowie zwar schwachsinnigen, aber umso lustigeren Texten. „The Germans From The Future“ ist die einzige CD in meiner Sammlung, die auch nur ansatzweise in diese Richtung geht. Bei angemessener Lautstärke und Bassregler auf Anschlag einfach mal den Kopf ausmachen beziehungsweise in alle Richtungen mitgehen lassen. Bei „Nukleare Winterferien 3012“ mutiert das auch schon mal in unkontrolliertes Chaos und sieht dann wohl in etwa so aus wie sich der Song anhört. Je öfter ich den hörte, desto geiler fand ich ihn. „1000 Kilo Bass“ hat absoluten Ohrwurm-Charakter und bei „Gabber Mädchen“ freue ich mich immer wieder auf die Hardcore-Kicks ab Minute 2:35. Der Track spielt auf die Drogenproblematik in der Gabber-Szene an. Da man sich ja Gegenseitig hilft, hat Bastibasti von Callejon ebenfalls einen Gastauftritt auf „The Germans From The Future“. Für einen Ausflug aus den eigenen Gewohnheiten und sich einfach mal die Ohren mit Bass durchpusten zu lassen ist die Platte bei mir immer wieder gut!

Mein erster Gedanke beim Hören dieser Platte: "Oha..." Mein zweiter Gedanke: So muss Hardstyle klingen, für Leute, die Hardstyle nicht mögen. Also für mich. “The Germans From The Future” ist die Art Musik, zu der deine übelst besoffenen Zeltnachbarn auf einem Festival nachts um 4 mit kaputten Pavillon-Stangen einen Trommelkreis veranstalten (fragt nicht). Nico von K.I.Z hat es sich hier anscheinend zur Aufgabe gemacht, das Innere von H.P. Baxxters Kopf musikalisch abzubilden. Immerhin: mit dieser Kombination aus Synthie-Beats, die sich wohl am treffendsten mit den Worten “völlig drüber” beschreiben lassen, und einer Stimme wie aus einem Mit-2000er-Happy-Meal-Spielzeug, inklusive schwachsinniger Neologismen (“Gabber Mädchen”?) ist WassBass prädestiniert als Vorgruppe der Jumpstyle-Animateure. Eigentlich schade, dass die Platte schon 2012 erschienen ist, sonst würde heute bestimmt an Stelle von “Kenning West alda” der Song “Sex auf Toilette” vor den Kompost-Klos einschlägiger Live-Musik-Veranstaltungen ertönen. Lyrisch ist nun auch wahrlich kein Wort, das man mit diesem Album assoziieren sollte. Gegen die geistigen Ergüsse von WassBass wirkt Yung Hurn wie der neue George R.R. Martin. Einziges Highlight ist hier “Bolle”, denn Trash-Mucke ist immer besser mit Dialekt! “Die Arbeit” klingt hingegen wie ein Rammstein-Song, der es knapp nicht aufs Album geschafft hat, weil sich die deutsche Vorstadtidylle so schlecht in Pyrotechnik übersetzen lässt. Aber alle Meckereien bei Seite, erwischt mich an einem guten Tag mit der richtigen Laune und dem richtigen Blutalkohol-Spiegel, und ich feier das bestimmt ab…

Wir hatten ja bereits so einige Alben in diesem Format, von Clueso über Sean Paul bis hin zu Avantasia. Neu war mir allerdings, dass wir nun auch Fruity-Loops-Demos von 14-jährigen Hobby-Produzenten annehmen. Jedenfalls bietet WassBass „The Germans From The Future“ eben jene Form von Discounter-Techno und billigem Industrial, die ich mit diesem Typus verbinde, gepaart mit geradezu dadaistischen Geschmacksverirrungen wie „Sex auf Toilette (Geil Geil Geil)“, in dessem Lichte selbst „Dance mit de Gänse“ wie die Ephipanie hochkultureller Erzeugnisse erstrahlt. Einzig das verschrobene „Bolle“ sticht als mildes Highlight einer ansonsten ermüdend anstrengenden Platte heraus.

Meine persönliche Definition von Hardstyle lautet: akustische Epilepsie. So also auch WassBass. Mein Puls hebt sich an mancher Stelle ungut. Ob vor Schreck oder dem plötzlichen Stressgefühl, kann ich selbst kaum einordnen. Jedoch finde ich vereinzelte Lichtblicke. Die regelrechte Ordnung, oder ist es gar ein bestehender Takt, den man da hört? Jedenfalls hat "Raumpanzer" beinahe so etwas wie Zuneigung in mir ausgelöst. Auch "Die Arbeit" hat irgendwie was. Ein wenig wie Rammstein, nur dass Flake die Post Production gemacht hat. Aber er durfte sie nicht am PC machen sondern musste alles was nicht gepasst hat durch wildes herumdrücken auf einem alten Casio-Keyboard kaschieren. Ist so dieses Album entstanden?

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