Im Kreuzverhör #18: Dreadnut Inc. - "First Drop"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. In der aktuellen Ausgabe fordern die Paderborner Offbeat-Invasoren Dreadnut Inc. zum funkigen Tänzchen auf.
Dreadnut Inc.

Dreadnut Inc. sind im ostwestfälischen Kosmos Lokalmatadoren - Häufig kämpft die Region mit dem Stempel, verschroben und eigenwillig zu sein. Doch sobald die famosen Acht das Rampenlicht betreten, herrscht ausgelassene Stimmung und jeder Starrsinn scheint verflogen. Solche Phänomene können wahlweise mit der grundsysmpathischen Ausstrahlung von Musikern oder dem Alkoholpegel des Publikums zusammenhängen. Beides stimmt hier nur in Teilen - wesentlich ist die lebensfrohe Vielfalt der dargebotenen Musik. „First Drop“ ist bis heute das einzige, vollwertige Studioalbum der Band. Es bereichert meine Playlists seit dem Holter Meeting Festival (Geheimtipp!) im Jahre 2012; wieder und wieder, ohne jegliche Ermüdungserscheinungen. Man gibt sich nicht nur Genre-offen, man ist es auch. Zwischen klassischem Raggae („Sun Will Come“), fetzigem Ska („One Love“) und intensiven Soul-Allüren („Eskimo“) bleibt kein Auge trocken und kein Tanzbein unberührt.

Reggae war nie so wirklich meine Musik, obwohl ich es versucht habe. Vermutlich ist es die Mischung aus zu vielen Blasinstrumenten und die Abneigung gegenüber den klischeehaften Reggaefans im Bekanntenkreis, die sich immer übertrieben entspannt gaben und eigentlich nur Kiffen wollten. Ich fand auch schon UB40 peinlich und Dreadnut Inc. schlagen für mich in die selbe Kerbe. Auch wenn die Briten Erfolg hatten, so finde ich Deutsche, die teils versuchen mit jamaikanischem Dialekt zu singen, peinlich. Das ist ähnlich schlimm wie deutsche, weiße Reihenhauskinder, die sich als Äquivalent zu den amerikanischen, wirklich unter Waffengewalt und Armut aufwachsenden Gangsterrappern hinstellen. Da hilft es auch nicht, dass dieses Album technisch sicher gut gemacht ist. Klar, die Instrumente beherrschen die Musiker, aber es klingt eben nach Reggae und der Sänger gibt sich bestimmt auch Mühe, aber driftet teils ins Peinliche ab, wenn er, vielleicht sogar unbeabsichtigt, ins jamaikanische Englisch rutscht. Und es bleiben zu viele Blasinstrumente. 

Deutscher Reggae hatte lange einen schlechten Ruf. Wirklich überraschend scheint das nicht. Wie sollte man denn auch einem Publikum, das es bei Konzerten nicht einmal fertig bringt auf die 2 und 4 zu klatschen, so etwas wie Offbeats nahebringen? Und tatsächlich waren die meisten der frühen Gehversuche deutscher Künstler in diesem Genre mindestens etwas steif, wenn nicht schlicht peinlich und whack.

Nun also: „First Drop“ von 2011. Reggae aus Münster, aber mit einem derart polierten Soundbild, als hätte die schwäbische Kehrwoche vor Releaseday noch einmal gründlich drüber gefegt. Der Song „Kill Us“ bietet darüber hinaus eine exponierte Brass-Sektion und „One Love“ sogar einige Gitarrenriffs – das fetzt, das rockt... würden Leute sagen, die Aussprüche wie „das fetzt“ und „das rockt“ noch komplett unironisch verwenden. Für alle anderen fetzt und rockt da wenig, maximal ein verstohlenes Schulterwippen liegt im Bereich des Möglichen. Wäre „First Drop“ ein Gegenstand, wäre es ein Kallax-Regal: Klare Struktur, solides Äußeres, aber auch irgendwie steif. Macht letztendlich aber nichts, hat schließlich auch einen gewissen Charme, dieser Kartoffel-Reggae. Nein wirklich, ich habe schon viel Schlimmeres gehört als Dreadnut Inc. Den Platz in den Top100 meiner Telefonwarteschlangen-Charts haben die Münsteraner auf jeden Fall sicher.

Was Mariah Carey hier abliefert ist schlicht eine Frechheit! Nicht nur kauft heutzutage kein Mensch mehr ein Album, das aus 72 einzelnen Shape CDs besteht und schleppt den ganzen Bums vom Plattenladen unter dem Ächzen seiner Bandscheiben nach Hause. Nein: Auch fragt man sich verärgert, ob die tragisch in die Jahre gekommene Diva ernsthaft hofft, sich im Glanze eines der renommiertesten Kehlgesang-Chöre des westlichen Ruhrgebiets sonnen und damit ihre geschmacklichen Fehltritte der letzten Dekaden vergessen machen zu können. Selbst vermeintlich hochklassige Solisten-Features wie der ewige Claus Backwurst am Sopran-Saxophon vermögen hier den Karren nicht aus dem Dreck zu ziehen, sondern erregen allenfalls Mitleid. Beispiel: "30 Songs for Eric", Titel 3 auf CD 19, will den virtuosen Schmiss vergangener Tage noch einmal aufleben lassen, bedient sich dabei aber klassischer Merkmale des Arbeiterliedes und biedert sich so, schamlos wie durchschaubar, lediglich beim Zuhörer an. Backwurst, dessen seidig-nasal gurgelnder Ton bisher noch jede Aufnahme zu veredeln wusste, steht hier auf verlorenem Posten und pustet hilflos gegen die dröhnende Leere an. Linderung verspricht CD 54, die mit dem Titel "Thirst Stretch" (deutsch etwa: "Durststrecke") 45 Minuten Stille bereithält und obendrein mittels einer kleinen, an der Unterseite angebrachten Bürste die Linse im CD-Spieler säubert. "I grew up caring about my customers' dreams and wishes" sagt Carey selbst dazu und ein Funkeln in ihren Augen verrät, dass sie das wirklich so meint. Nach einem weiteren guten Dutzend CDs, die einen Spagat zwischen Opera Buffa und Klangcollage versuchen - und scheitern! - hat sich der geplagte Hörer schließlich zur erlösenden finalen Scheibe 72 vorgearbeitet, die Careys Label "Zwei Paar Schuhe Records" trotz Protest der Chanteuse an das Bluegrass-Oktett "Swampy Joe and his Assistants", blutjunge Hoffnungsträger aus Iowa, gleichsam untervermietet hat. Hier löst ein heiterer Schwank den anderen ab und eine Wahrheit bricht sich Bahn: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und kein verbissenes Etabliert-Sein vermag die Verve der Jugend zu ersetzen. Das wird auch Frau Carey feststellen müssen und man möchte ihr zurufen: "Si tacuisses, Mariah! Danke für NICHTS!“

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