Im Kreuzverhör #17: Kosslowski - "Lynch die Welt"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal gerät dank Merten die erste und einzige Platte von KOSSLOWSKI mit dem Titel "Lynch die Welt" ins Kreuzfeuer.
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„Lynch die Welt“ ist eine Hassplatte, auf der jeder sein Fett wegbekommt. Die sprachliche Gestaltung ist dabei jedoch von ganz eigener Art - next level würde man heute sagen. Oder findet jemand, dass "Holla Waldfee, ich flex dich weg, mein Kolibri" eine Zeile ist, die 2012 nicht sieben Jahre ihrer Zeit voraus war?

„Lynch die Welt“ ist eine Hassplatte. „ Da haben wir den Salat – und der schmeckt gar nicht mal so gut.Von vorne bis hinten wird hier gewettert und gezetert. Gegen Klugscheißer, Aufschneider, Besserwisser, Mode- und Schönheitsideale und Tunichtgute jeder Art. Dazu prügelt die Musik Gitarrenriffs allererster Sahne und mit bärbeißiger Markanz zu ebenso ausgefallenen Texten. Denn Kosslowski betreiben auf „Lynch die Welt“ kein aufspielendes Fingerzeigen, sondern bereichern auf eine schon beinahe herablassend anmutende, humorvolle Weise die Punkwelt um zynisch-malerischen Kommentaren zum Partyverhalten eines bestimmten (wahrhaft unerträglichen) Schlags Mensch oder willenlosen Trendhuren oder dem schlichtweg asozialen Verhalten verzogener Wonneproppen.
Interessant finde ich, dass sowohl Niels als auch Mark die Zeile „Die Welt ist der schlimmste Ort der Welt“ besonders herausheben. Das mag daran liegen, dass diese die am verständlichsten und repetitivsten vorgetragene auf dem Album ist. Ich persönlich liebe dieses Album für seine weniger zugänglichen lyrischen Schmankerl. "Ach, Erleuchtung um halb sieben / brüllt Revolte aus Latrinen! /Morgen naht, Bouquet welkt, / hilf’ mir Schwarzlicht, lynch’ die Welt! / Und bis zum ersten Tageslicht machen wir uns weiter lächerlich" ist ein grandioser Songanfang. Preisgekrönt und garniert von "Es tagt im Flur der Discorat! / Fundiert! Und jeder hier hat echt Format! / Zirkus „Philosophen in Röhrenhosen“ schlägt die nächsten Zelte auf / und ihr Fratzen klatscht euch echt noch selbst Applaus!" nagelt dieser Song meine Gefühlslage auf Parties einfach zu 100% auf den Kopf. Und "Guten Morgen, Massen! Ich ergötz mich dran!" ist wahrlich die unangefochten großkotzigste erste Zeile eines deutschen Punksongs jemals – und in meiner Favoritenliste direkt hinter "Mein Name ist Möglichkeit, ich geh da raus und hier wieder rein" von FJØRT. Es mutet sicher pathetisch an, im Kosslowski Kreuzverhör FJØRT zu erwähnen, immerhin fungiert David Frings als Songwriter in beiden Bands. Mark scheute trotzdem nicht davor zurück.
Von Kosslowski habe ich übrigens das Wort „pittoresk“ gelernt. Die Line „gewollt zerrissen, doch pittoresk“ aus dem Song "Firlefanz" beschreibt „Lynch die Welt“ insgesamt ganz gut. Dass man von einer kleinen 2012er Punkband keine glattgebügelte Platte erwarten kann, ist klar. Aber den Rotz den Kosslowski mit so viel Charme versprühen, kann man schon ernten, so ist das nicht.

Drei Dinge spielen in unseren „Kreuzverhören“ die wesentlichen Rollen: Zum einen derjenige, der sich die zu besprechende Platte aussucht. Hinzu kommt die Platte als solches und die Meinungen, die die Beteiligten zum jeweiligen Album haben. Diese Meinungen sind die große Unbekannte in diesem Spiel. Mir wäre es in dieser Runde aber auch mit großer Wahrscheinlichkeit gelungen, neben meiner Meinung auch den Redaktionskollegen zu definieren, der für Kosslowski und „Lynch die Welt“ verantwortlich ist. Aber unabhängig davon, dass ich die Platte aus irgendwelchen Gründen sofort meinem Kollegen Merten zuordne; kommen wir zum Wesentlichen. Kosslowski machen mit den ersten Klängen von „Erste Geige“ sofort und unmissverständlich klar, wohin die Reise auf „Lynch die Welt“ geht. Der mit einem ganzen Haufen Rock überschüttete Screamo-Hardcore-Mischmasch der Band ist dauerhaft gitarrenbetont und die Vocals werden so in die Ohren gespuckt, als wäre jeder Tropfen Spucke, der dabei aus den Mündern der singenden Kollegen fliegt, von trotziger Leidenschaft geschwängert. Mich hat man in dem Moment als aufmerksamen Zuhörer gewonnen, wenn man ungewöhnliche, nachdenkliche Textzeilen benutzt. Auch an diesen mangelt es Kosslowski nicht (Beispiel: „Die Welt ist der schlimmste Ort der Welt“). Ansonsten geht es größtenteils mit hohem Tempo durch die Titel mit herrlichen Namen wie „Des Pudels Kern“, „Wattenscheid“, „Firlefanz“, „Jubel, Trubel, Scheiterzeit“ - genau mein Geschmack. Auszugsweise und an bestimmten Stellen erinnert mich der Gesang unweigerlich an Fjørt, die ebenfalls voll in Mertens Geschmack liegen und die genau wie Kosslowski wohl ohne die Redaktionsarbeit nie den Sprung in meine Playlists gefunden hätten – dickes DANKE dafür! Vielleicht kommt daher die direkte Zuordnung der Platte zu ihm. Diese Aussagen sollen beide Gruppen keineswegs musikalisch in ein und dieselbe Schublade stecken, aber wer beide kennt, wird an den entsprechenden Stellen wissen, was ich meine. Und wer die einen eh schon mag, wird von der jeweils anderen Band bestens unterhalten sein.

Screamo und Post-Hardcore Musik ist in meinen Plattenschrank leider eher Mangelware. Woran das genau liegt, kann ich auch nicht sagen… vielleicht eine „falsche“ Sozialisation. So hat Kosslowskis Debütalbum (und auch einziges Album) einen schweren Start bei mir gehabt. Sehr gleichförmig wirken viele der Songs und heben sich kaum vom nächsten Track auf dem Album ab.
Aber dennoch gibt es schnell schon Lichtmomente für mich, hier und da ein Gruppenchor oder auch cleanere Shouts, die den Songs eine weitere musikalische Ebene spendieren. Das Producing allgemein ist hervorragend. Die Punk-Elemente ballern gut. Überraschend genießbar ist für mich, dass das ganze Album auf Deutsch ist. Ein paar der lokalen Hardcore-Bands kenne ich - die singen aber alle auf Englisch.
Ehrlich, ungeschönte Lyrics, die mal abstrakter, mal mehr auf den Punkt gebracht sind, werden mir entgegen geschrien: „Die Welt ist der schlimmste Ort der Welt“. Ein bisschen muss ich schmunzeln, aber finde es auch irgendwie geil.
Und mit jedem weiteren Durchlauf des Albums, gefällt mir „Lynch die Welt“ besser und auch wenn es nie ganz meine Musik sein wird, kann ich mir ausmalen, wie intensiv die Shows in kleinen Clubs oder einem Musik-Bunker ausgesehen haben mögen. Schade, dass es die Band anscheinend nicht mehr gibt und deswegen sei dies noch gesagt: Support your local bands – solange es noch geht.