Im Kreuzverhör #16: Death Grips - "Bottomless Pit"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Felix experimentellen HipHop von Death Grips in den Ring. Als Gast ist Marathonmann-Schlagzeuger Jonathan Göres dabei.
80c713aff6499afbd04abcf8f5a15516b08dc38f.jpg

Es gibt sperrige Musik – und es gibt Death Grips. Seit Jahren geistert dieses Trio schon am Rande meines musikalischen Dunstkreises umher, versteckt sich in YouTube-Empfehlungen und Autoplay-Schleifen. Durchgedrungen ist es nie, bis vor einem Jahr.

Wie genau es geschah, ist nicht mehr einwandfrei zu rekonstruieren. Jedenfalls erschien „Year Of The Snitch“, das sechste Studioalbum der Band, plötzlich im Zentrum meines Radars. Wirklich gefallen hat mir die Platte nicht, bis auf „Black Paint“, doch das reichte. Einmal Blut geleckt, arbeitete ich mich in den nächsten Monaten Stück für Stück durch die Diskografie der Amerikaner, richtete meinen Musikgeschmack neu aus und gelangte schließlich zu „Bottomless Pit“, dem besten Death-Grips-Album bis dato.

Zugegeben, die Platte ist jetzt nicht zwangsläufig der passende Soundtrack zum Kaffetrinken mit Oma Erna; dafür ist der Mix aus Zach Hills wahnwitzigen Drumming und Andy Morins Synthie-Spielereien dann doch etwas zu anstrengend, die mehr geschrienen als gerappten Lyrics von MC Ride doch etwas zu obszön. Ihr Milieu ist ein anderes – die popkulturelle Avantgarde. Death Grips bieten gerade genug an bekannten Songstrukturen aus Genres wie HipHop, Noise und Hardcore, sodass man den Bruch mit ihnen erkennt. Alles andere obliegt der kreativen Anarchie. Das gilt auch für die Texte, die zwischen subtiler Gesellschaftskritik, maximaler Provokation und komplettem Nonsens hin- und herpendeln. Was nun was ist, muss jeder für sich selbst herausfinden. Im freien Fall durch das bodenlose Loch gibt es kein Halten, kein Richtungsempfinden. Mit anderen Worten ­– absolute künstlerische Freiheit.

Trotzdem ist „Bottomless Pit“ für mich bis heute das zugänglichste Death-Grips-Album, vor allem durch unbestreitbare Banger wie „Spikes“ oder „Bubbles Buried In This Jungle“. „Hot Head“ braucht da schon etwas mehr Eingewöhnungszeit, während der titelgebende Song „Bottomless Pit“ mit MC Rides hysterischem „I fucked you in half“-Geschrei so dermaßen übertreibt, dass man ihn einfach nur liebhaben muss. Oder man widmet sich tatsächlich mal den Lyrics und stürzt sich nach der ersten Schockstarre in die schier unmögliche Aufgabe der Interpretation. Es ist ein Fall ohne Ende.

Ganz ehrlich: Mein erster Eindruck war äußerst durchwachsen. Quasi in den ersten Sekunden des ersten Songs, "Giving Bad People Good Ideas", musste ich Death Grips erst einmal googeln. Weder hatte ich von der Gruppe zuvor gehört, noch konnte ich das Genre zuordnen. Meine Suche war ernüchternd. Bei Wikipedia heißt es „Die Musik von Death Grips ist keinem Genre zuzuordnen...“. Da ich aber grundsätzlich versuche, mich in andere Genres hineinzuversetzen und diese auch verstehen möchte, wollte ich mich nicht vorschnell entscheiden, ob mir das gefällt oder eben nicht. Also hörte ich weiter.

Die ersten zwei Songs auf dem Album haben starke Ähnlichkeit: Blastbeats. Im Grunde vom Anfang bis zum Ende. Wobei bei "Hot Head" durchaus auch mal ein Beat vorkommt, bei dem man ein wenig mitnicken kann. Und so baut sich das Album auch weiter auf. Die Lieder werden zugänglicher und man kann der Songstruktur besser folgen.

Dann kam mir die zündende Idee. Ich machte meine Hifi-Anlage lauter. Also richtig laut. Und auf einmal funktionierte das ganze tadellos, ich saß auf meinem Sofa und war gänzlich in dem experimentellen Sounds von Death Grips gefangen!

Nun hat sich in mir eine Frage in den Vordergrund gedrängt: „Wie sieht das ganze live aus?!“ Also habe ich einen Live-Mitschnitt angeschaut und war überrascht, dass auf der Bühne relativ wenig passiert, vor der Bühne hingegen völlige Eskalation im Gange ist. Fett! Wenn die Jungs das nächste Mal nach München kommen, werde ich mir das auf alle Fälle live anschauen!

"Was zum F!ck bin ich hörend?", war die erste Frage, als ich mich in querhörender Manier durch "Bottomless Pit" klickte. Die zweite war: "Warum tut er mir das an?". Was im ersten Moment nach enormem Leidensdruck klingt, hat sich irgendwann als schepperndes Hintergrundgeräusch etabliert. So, wie wenn der tollpatschige Mitbewohner in der Küche kocht - im Zeitraffer. Ich habe dann das Gegenteil von Johannes gemacht - die ganze Chose nämlich einfach leiser gedreht, um dieser hämmernden, scheppernden, kreischenden Wirkung zu entkommen. Auf Blast Beats komme ich zudem bis heute nicht klar. Da weigert sich schlichtweg meine Physis irgendwas zu tun.
Musikalisch übertreffen Death Grips jedes klassische Verständnis von Crossover, auch wenn es ja irgendwie genau so eine Tinktur ist. Hardcore, Hip-Hop, aber nicht wie Rage Against The Machine, sondern es geht weiter: Blast Beats und Synthcore, manchmal speit einem die Gesamtheit ein Gefühl von Goa ins Gesicht und auf Chemiekalien ist das Ganze bestimmt ein krasses Erlebnis. Die Live-Videos sprechen da echt für sich, Ekstase und Krawall in der ganzen Bude. Irgendwas mit Anarchie trifft es vermutlich ganz gut.
Death Grips war mal etwas völlig Unerwartetes, ich habe dergleichen echt noch nie gehört. Schön, dass auch sowas Konstruktives Platz im Kreuzverhör hat. Ständig nur auf ausgelutschten Nudeln wie dem Bieber, Tokio Hotel, James Blunt und Konsorten rumzuhacken, wird irgendwann auch öde.
Und auch wenn Death Grips mich nicht sofort gekriegt haben, jetzt kenn ich deren Namen und vielleicht ergibt es sich, dass ich mir das live mal reinfahre.

Noise ist keine Aussage über die Einstellung am Volumenregler, Noise ist ein unvergleichliches Konstrukt künstlerischer Grenzüberschreitung. Noise ist entwaffnend direkt, stets unvorhersehbar und meilenweit neben der Spur. Kurzum: Noise pfeift auf die Meinung Außenstehender. Death Grips bieten einen heißen Ritt durch die Grenzgebiete von Rock, Pop, Hip-Hop, Metal und elektronischer Musik.

Die Inspiration des US-amerikanischen Trios liegt tief verwurzelt im Sprechgesang der verkommenen Großstadtghettos. Das hört man speziell bei „Spikes“ und „Eh“ direkt heraus. Die Betonung liegt auf Grundstruktur – mit dem nötigen Abstand beschleicht einen das Gefühl, dass Macklemore und Snoop Dog einen ernstzunehmenden Drogentrip durchleben und es für eine gute Idee halten, das Tonband parallel laufen zu lassen. „Warping“ hingegen besticht durch einen Spagat zwischen den Welten des inzwischen bedeutungsarmen Nu Metals und der Virtuosität des ebenfalls angestaubten Dub-Steps. Interessant!

Falls verfügbar, lohnt sich auch die audiovisuelle Gesamtwahrnehmung dieser Kuriositäten. Wo, wenn nicht hier, ist ein grüner Gorilla gewillt, die Karosserien der Nachbarschaft in Schutt und Asche zu legen (siehe „Three Bedrooms In A Good Neighbourhood“)? Wer, wenn nicht die Death Grips, verleihen einem löchrigen Lederschuh ein menschliches Verhalten? „Giving Bad People Good Ideas“ will kein klassischer Ohrwurm sein und ist es doch. Tanzbar und definitiv von einem anderen Stern. „Houdini“ und „80808“ sind dagegen beinahe das konservative Rückgrat einer bunt bemalten Vogelscheuche.

Im Angesicht all jener Raffinesse hisse ich ehrlicherweise die weiße Fahne: Was technisch variabel eingespielt wurde, streichelt nicht automatisch den individuellen Musiknerv. Ein ernst gemeinter Shoutout in die USA, aber ich werde kein Fan werden. Wem allerdings die Twenty One Pilots zu eintönig sind (wie auch immer das sein kann?), dem sei „Bottomless Pit“ wärmstens ans Herz gelegt.