Im Kreuzverhör #10: FM-84 - „Atlas“

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Joe retrolastigen Synthwave von FM-84 in den Ring.
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Wer meine Reviews der letzten Monate gelesen hat, weiß, dass ich Nostalgie liebe. Neben Vaporwave strotzt vor allem Retrowave nur so vor nostalgischen Gefühlen. Ich habe die 80er nie erlebt, aber die popkulturelle Verklärung dieser Dekade ist etwas, was mich fesselt und begeistert. Einer meiner Lieblingsfilme ist „Drive“ aus dem Jahr 2011. Ich mochte 80er-Filme schon immer, aber bei diesem ist es endgültig in Liebe umgeschlagen. Allein die Musik, welche nach dem Film einen Hype erfuhr, ist etwas Wundervolles. Die Tracks von Kavinsky und College sind seit dem Erscheinen auf meinem MP3-Player und werden wohl auch nie von dort weichen müssen. Dass in meiner Vinylsammlung neben den Alben von Nine Inch Nails dank meiner Freundin auch der Soundtrack zu „Drive“ steht, ist zwar unwichtig, sollte aber nicht unerwähnt bleiben. Nach und nach wuchs meine Liebe für Retro- oder Synthwave. Bandcamp ist da eine grandiose Quelle und so hörte ich mich durch unzählige Alben. Eines Abends entdeckte ich dann FM-84 und war begeistert. Der perfekt eingefangene Sound eines 80s-Film-Soundtrack und die unglaublich saubere Produktion machen „Atlas“ zu einem der besten Synthwave-Alben in den Weiten des Internets. Die Songs bieten viel Abwechslung und könnten in der Tat in einem Film als Soundtrack funktionieren, auch wenn man sie etwas anders anordnen müsste. Da wäre das liebevoll verspielte „Everything“, welches der musikalische Begleiter zu einer Cabrio-Fahrt am Strand sein könnte, während der Vokuhila-tragende Protagonist seine große Liebe endlich küsst. „Running In The Night (feat. Ollie Wride)“ passt in eine nächtliche Szenerie und zu Tränen im Gesicht. Wenn dann „Let’s Talk (feat. Timecop1983 & Josh Dally)“ am Ende auf dem Ball gespielt wird, bleibt auch kein Auge mehr trocken, bis man die VHS-Kassette zurückspult. Es gibt ruhige Momente und es gibt aufputschende Synthie-Beats, welche bei der nächsten Retro-Party zum Tanz auffordern würden. All das verpackt in einen Sound aus Nostalgie, Kitsch, Aufregung, Liebe und jugendlicher Unschuld. Wie könnte man so etwas nicht lieben? Gepaart mit den grandiosen Gastsängern, allen voran Ollie Wride, ist „Atlas“ ein Erlebnis, welches mich nie wirklich losgelassen hat und zu welchem ich regelmäßig zurückkehre. Und das wird wohl auch zukünftig so bleiben.

Ehrlich gesagt geht mir dieses musikalische „Retro-Getue“ in letzter Zeit ziemlich auf die Nerven. Auf einmal entdeckt jeder wieder diese wunderbaren analogen Synthesizer und versucht die guten, alten, unerreichbaren Zeiten wieder hervorzuholen. Das lutscht sich schnell aus, überflutet und überfordert den Zuhörer unnötig. Viele Bands und musikalischen Projekte vergessen dabei „sie selbst zu sein“ und ihren Stil einzubringen. Stattdessen wird teilweise krampfhaft versucht, irgendwen oder irgendetwas nachzuempfinden. Das Album „Atlas“ von FM-84 beginnt genau so. Man ist sich nicht sicher, ob es nach Modern Talking, Depeche Mode oder Kraftwerk klingen soll. Ich verdrehe leicht die Augen und frage mich, ob ich wirklich 50 weitere Minuten meines Lebens mit dieser Musik vergeuden soll. Doch spätestens nach dem dritten Track namens „Tears“ scheint sich das ganze Werk ein wenig zu fangen und einen eigenen, relativ dynamischen Weg einzuschlagen. Zu seiner Verteidigung muss man sagen, dass das Album bereits aus dem Jahre 2016 stammt und somit dem ganzen Retro-Hype ein klein wenig voraus war.  Es fehlt etwas an Soundvolumen und musikalischer Vielfalt. Es ist schön, wenn man die gute alte TR-808 wieder für sich entdeckt und einsetzt. Dann bitte fummelt und probiert doch aber auch ein wenig daran rum, sodass das Teil nicht immer gleich klingt. Die Platte ist meiner Meinung nach ganz gut hörbar für Fans genau von diesem Genre. Für alle anderen empfehle ich allerdings weiterhin Bands wie zum Beispiel Chromatics zu hören. Die versuchen nichts nachzumachen. Die machen ihr eigenes Ding.

 

FM-84 hat mir so gar nichts gesagt. Schon das Cover erinnert an die ein, zwei Jahrzehnte meiner Geburt (1994) und so war es nicht überraschend für mich, dass „Atlas“ auch nach Synth-Pop der 80er Jahre klingt. Eigentlich nicht unbedingt meine bevorzugte Musikrichtung, aber ich bin da ziemlich offen und so hat mich FM-84 begeistert. Nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen, Kopf und städtisches Chaos abschalten  ̶  dafür ist die Platte genau die richtige. Augen zu und genießen. Mir gefallen vor allem die langen instrumentalen Passagen. Die gehen ineinander über, die Musik ist wenig abwechslungsreich und schnell fragte ich mich, ob das jetzt gerade noch der gleiche oder wieder ein anderer Track ist. Doch zum Entspannen ist das ja gar nicht so verkehrt. Hat mich auf jeden Fall gefreut, das Album vorgeschlagen zu bekommen, denn sonst wäre ich wohl nie im Leben darauf gekommen. Dabei ist es lohnenswert, es mal gehört zu haben.