„I’m afraid you don’t love me anymore“ – Wenn Fans über Musik bestimmen

Wer mit Musik sein Geld verdienen möchte, muss auf Menschen hoffen, die im eigenen künstlerischen Oeuvre ihren Musikgeschmack widerfinden. Das hat eine dramatische Konsequenz: Wer irgendwann nicht mehr den angesagten Ton der Zeit trifft, läuft Gefahr, wirtschaftlich unterzugehen. Ein kritischer Blick auf die Beziehung Fan-Künstler, konservative Erwartungshaltungen und eine Branche der Anpassung.
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Wer das Zitat aus der Überschrift dieses Artikels kennt, wird bereits eine Ahnung davon haben, wovon die folgenden Zeilen handeln werden. Die Worte stammen aus „Heavy Metal“, einem Song des aktuellen Bring-Me-The-Horizon-Albums „Amo“. Sehr bildhaft beschreibt die Band darin die zwiespältige Beziehung zu ihren Fans, die in der Karriere des Sheffielder Quintetts fast schon ein Dauerthema ist. Verwundern tut das kaum, immerhin haben Bring Me The Horizon seit ihrem Debütalbum „Count Your Blessings“ eine der wohl radikalsten stilistischen Entwicklungen überhaupt durchgemacht. Hatte die Band zu Beginn noch blutrünstigen Deathcore fabriziert, war spätestens auf „Amo“ der Sprung zu purem Electro-Pop geschaffen. Manche Fans entwickelten sich mit der Band, andere gewannen erst durch die weniger harten Alben einen Zugang zu der Musik und wieder andere wünschen sich noch immer den Sound der Anfangstage zurück. Dass man in den Kommentarspalten des Quintetts noch immer Rufe nach einem zweiten „Count Your Blessings“ hört, ist dabei bemerkenswert. Immerhin ist dieses Album mittlerweile schon über ein Jahrzehnt alt und entspricht offensichtlich schon lange nicht mehr den Idealen der Band – auch live ist allerhöchstens mal „Pray For Plagues“ ein ganz besonderes Geschenk an diesen Teil der Fans. Dass Bring Me The Horizon dennoch regelmäßig mit dem Sound ihres Debütalbums verglichen werden, zeigt, wie hartnäckig Musikfans an ihren Lieblingsplatten festhalten können, ohne dabei im Mindesten die kontextuellen Umstände der Zeit zu berücksichtigen. Einem Modedesigner würde ja schließlich auch niemand vorwerfen, dass er nicht mehr die selben Kollektionen wie vor 15 Jahren produziert.

Dieses Fallbeispiel offenbart sehr deutlich einige entscheidende Faktoren, wenn es um die Beziehung zwischen Fans und Künstlern geht – denn aus einer rein wirtschaftlichen Perspektive haben Bring Me The Horizon mit ihrem Stilwandel wirklich alles richtig gemacht. Die Band spielt mittlerweile in Hallen mit tausenden von Leuten und steht an der Spitze der meisten großen Festivals. Eine Karriere, die mit dem Sound des Debütalbums wohl völlig undenkbar gewesen wäre. Dass die Band in „Heavy Metal“ ihre Zerspaltung mit vielen alten Fans trotzdem auf einer emotionalen Ebene beschreibt, offenbart aber, dass hinter der Beziehung einer Band zu ihrem Publikum eben mehr steckt als nur eine finanzielle Abhängigkeit. Menschen wollen gemocht werden, gerade dann, wenn es um etwas so Persönliches wie die selbstgeschaffene Kunst geht. Bring Me The Horizon haben das Glück, dass viele neu dazugekommene Fans den Sound ihrer neuen Platten feiern – trotzdem schwebt der ständige Konflikt der Social-Media-Diskussionen wie ein Damokles-Schwert über jeder neuen Veröffentlichung. Vielleicht ist es so zu erklären, dass „Amo“ ein derartig chaotisches Konglomerat aus völlig aneinander vorbeiarbeitenden Stilrichtungen geworden ist. Ein betont seichter Electro-Pop-Track wie „Medicine“ steht neben den stürmischen Doom-Riffs von „Wonderful Life“, ein pathetischer Alternative-Song wie „Mother Tongue“ findet auf dem selben Album wie der martialische Techno-Banger „Nihilistic Blues“ statt. Nicht umsonst äußerste Frontmann Oli Sykes jüngst in einem Interview, er wolle in Zukunft vielleicht nie wieder ein Album schreiben – unter anderem deswegen, weil er es leid sei, so viele verschiedene Tracks angemessen ausbalancieren zu müssen.

Noch frappierender wird der Unmut der Fans, wenn dieser einer Band entgegengebracht wird, die noch nicht derartig groß ist, dass sie finanziell für immer ausgesorgt hätte. Beeindruckend oft sind Metalcore-Acts die Protagonisten solcher Geschichten – ein deutliches Zeichen für die bisweilen enorm konservative Haltung dieser Community. Als Suicide Silence etwa 2017 mit „Doris“ die erste Single ihres selbstbetitelten Albums veröffentlichten, war der darauffolgende Shitstorm geradezu beispiellos. Dabei war der Stilbruch noch nicht einmal derartig radikal: Suicide Silence hatten es lediglich gewagt, ihren alten, kompromisslos brachialen Deathcore-Sound mit etwas Korn-Stilistik zu durchmischen – doch offenbar reichte das aus, um sehr vielen Menschen vor den Kopf zu stoßen. Noch dramatischer wurde die Situation, als der Metal-Youtuber Jared Dines ein Reaktionsvideo zur Single veröffentlichte, das mittlerweile fast so viele Aufrufe wie der eigentliche Song hat und den Hate an Suicide Silence zum regelrechten Meme machte. Das Feedback zum noch nicht einmal erschienenen Album war spätestens zu diesem Zeitpunkt bereits vorbestimmt und entsprechend erwies sich das fünfte Studioalbum von Suicide Silence als Image-technisches Desaster. Die Reaktion der Band auf diese Krise zeigt sich zwei Jahre später: Ihr sechstes Album „Become The Hunter“ kündigt das Quintett mit brettharten Singles an, die keine Experimente mehr wagen. Im Video zu „Love Me To Death“ lässt die Band dann sogar ebenjenen Jared Dines auftreten, der sich damals noch sehr viral über „Doris“ lustig gemacht hatte, und erkauft sich damit gewissermaßen wieder die Legitimation bei allen Dines-Jüngern. Ein Schachzug, der durchaus Humor beweist, aber eben auch zeigt, dass Suicide Silence ihre eigene künstlerische Vision schlussendlich nicht durchsetzen konnten.

Ähnlich erging es We Butter The Bread With Butter, die 2013 mit ihrem Album „Goldkinder“ den Versuch wagten, von einer Quatsch-Core-Kombo zu einer Band mit ernsthafterem Anspruch zu transferieren. Obwohl das Berliner Quartett dabei tatsächlich eines der interessanteren deutschsprachigen Werke des Genres schuf, wünschten sich die Fans eine Rückkehr zum Gaga-Sound von „Breekachu“. Ob dieses in der Öffentlichkeitswahrnehmung gescheiterte Projekt zum allmählichen Zerfall der Band führte, ist reine Spekulation, kann aber durchaus als möglich betrachtet werden. 2015 veröffentlichten die Berliner den Nachfolger zu „Goldkinder“, der bezeichnenderweise den Titel „Wieder geil!“ trägt und zurück zu größtenteils betont sinnlosen Lyric-Bangern geht. Danach wurde es lange still um die Band. Die später noch veröffentlichte Standalone-Single „Klicks. Likes. Fame. Geil.“ wirkt eher wie der uninspirierte Versuch, an alte Zeiten anzuknüpfen. We Butter The Bread With Butter brechen schließlich sogar fast kommentarlos mit einem Großteil der Bandbesetzung und spielen seit kurzem wieder als das ursprüngliche Duo, aus dem die Band vor etlichen Jahren mal hervorgegangen war. Die Nostalgiekeule wird dadurch perfekt, dass die Berliner auf ihren Konzerten noch viele alte Songs anspielen, die lange nicht mehr gehört waren – ein deutlicheres Zeichen für die Macht der Fans kann es kaum geben.

Die Beispiele lassen sich auch außerhalb des Core-Kosmos‘ fast beliebig weiterführen. Linkin Park sahen sich fast bei jedem Album radikalen Kommentar-Kriegen ausgesetzt, die selbst im Jahr 2017 noch stritten, ob man nicht zum Sound von „Hybrid Theory“ zurückkehren könne. Hundredth kehrten ihren Hardcore-Sound mit dem Album „Rare“ urplötzlich in glitzernden Shoegaze um und berichteten in einem Interview implizit, dass ihre vorigen Veröffentlichungen eher entgegen den eigenen klanglichen Geschmäckern und zugunsten einer besseren Absetzbarkeit entstanden waren. Und Tokio Hotel verrieten gewissermaßen ihre eigenen Ideale, als sie 2018 ihr erschreckend überteuertes Festival „Tokio Hotel Summercamp“ damit bewarben, dass es dort ein Konzert mit den ganz alten Songs aus ihrer Teenie-Zeit geben würde, denen die Band eigentlich längst den Rücken gekehrt hatte.

Diese Beispiele zeigen, wie beeindruckend synergetisch die Beziehung von Bands und Fans ist und welche toxischen Auswirkungen sie gleichzeitig haben kann. Wer die Anpassung von Musik dabei aber immer nur auf Marktinteressen zurückführt, der macht es sich zu einfach. Schließlich ist die Anerkennung des Publikums gerade bei kleinen Bands die größte Belohnung, die man bekommen kann. Deswegen wird immer die Frage im Raum stehen, wie weit man das Experiment treiben will und kann. Wer schlussendlich am längeren Hebel sitzt, ist sicherlich von Fall zu Fall unterschiedlich. Aber dass die Macht des Publikums nicht unterschätzt werden darf, steht fest. Und das ist gerade bei festgesteckten Erwartungshaltungen ein Problem, das man nicht kleinreden kann.