Was Emo WIRKLICH ist - Das "Real Emo"-Meme

Emo hat immer wieder Veränderungen durchgemacht - vom Emotional Hardcore aus Washington D.C. über den Indie-beeinflussten Midwest Emo hin zum Alternative-Genre mit Chart-Erfolgen. Die echten Fans wissen allerdings, was richtiger Emo ist - und haben neben einer fragilen Männlichkeit auch jede Menge Meme-Potenzial.
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Am 7. Juni 2017 veröffentlichte die Facebook-Memepage „Memelords against furries and fake emo“ einen Post, der seitdem in vielen anderen Ecken des Internets auftauchte. Der 155 Worte lange Rant, der hochnäsig erklärt, warum bestimmte Bands Emo seien und andere nur fälschlich dafür gehalten würden, ist ein Beispiel für eine Copypasta, also einen Text, der als Meme im Internet verbreitet wird. Dass er nicht ernst gemeint ist, ergibt sich nur aus dem Kontext, in dem er auftaucht: Er wird genutzt, um Emo-Fans, die sich als elitäre Szenewächter geben, auf die Schippe zu nehmen.

Denn wenn man den reinen Inhalt betrachtet, könnte er genau von solchen Szenewächter:innen verfasst worden sein: Als Emo wird nur akzeptiert, was „ENERGETISCH, KRAFTVOLL und auf eine Weise HASSERFÜLLT“ ist. Als Fake Emo gelten nicht nur in den Charts erfolgreiche Acts wie My Chemical Romance, sondern auch Gruppen wie American Football, die meist als Midwest Emo kategorisiert werden.

Eine Einteilung in „authentische“ und „falsche“ Künstler:innen kennen viele Musikszenen und damit auch die Erwartung an Szeneangehörige, nur die „richtige“ Musik zu hören. Emo ist hier jedoch ein besonderer Fall, da das Genre seine mittlerweile mindestens vier Popularitätswellen erlebt hat. Und jedes Mal wieder scheinen vor allem die Fans der ersten Stunde das Bedürfnis zu haben, sich von allem, was ihren Bands nachfolgte, aggressiv abzugrenzen und die Anerkennung als „echter“ Emo zu verweigern. Wie kommt das?

In der Brust von Emo schlagen zwei Herzen: das einer Musikszene und das einer Modeszene. Ursprünglich bezeichnete der Begriff eine Spielart von Hardcore Punk, die Mitte der 80er in Washington D.C. entstand, als Versuch, der Gewalt und Destruktivität dieser Szene etwas Positiveres entgegenzusetzen. Später mischte sich in den ursprünglichen Punk-Sound der Indie- und College-Rock der 90er, um nach der Jahrtausendwende nie gekannte Popularität zu erreichen. Fans von My Chemical Romance und Co sorgten neben ausverkauften Stadien auch für massive Umsatzsteigerungen bei Hot Topic und den Hersteller schwarzer Haarfarbe.

Spätestens jetzt war Emo zu einer Jugendkultur geworden, zu der sich die Zugehörigkeit vor allem im Style ausdrückte und dessen Wissen durch große Zeitschriften und Blogs auch „Uneingeweihten“ zugänglich wurde. Bei vielen Subkulturen, die diesen Punkt erreichen, beginnen vor allem die frühen Szenenangehörigen, ihre eigene Authentizität dadurch zu behaupten, dass sie neueren Entwicklungen ebendiese absprechen.

Bei Emo kommt zudem ein Gender-Aspekt dazu: waren die frühen Szenen vor allem männlich dominiert, verlor sich diese Dominanz mit der Entwicklung zu einem Modestil, in dem alle Geschlechter auf weiblich konnotierte Elemente wie Make-Up und herausstechende Farben zurückgriffen. Nerdtum, das sich im Wissen um möglichst obskure Bands und seltene Veröffentlichungen zeigt, ist zudem ein Phänomen, das nicht selten mit Frauenfeindlichkeit und anderem machistischem Verhalten einhergeht.

Die Ablehnung von Midwest Emo ist nicht ganz so unumstritten wie die poppiger Spielarten, da ihm durch seine Wurzeln in der DIY-Indie-Szene eine gewisse Authentizität nicht abgesprochen werden kann. Hier spielt wieder Misogynie eine große Rolle: Der thematische Schwerpunkt des Midwest Emo liegt meist auf der unglücklichen Liebe zu einem Mädchen und die Musik dazu wird als „schwach“ und „selbstmitleidig“ (was wiederum häufig weiblich konnotierte Eigenschaften sind) beschrieben. So erscheint das, was als „richtiger“ Emo definiert wird, vor allem als rein männlicher Raum, der verteidigt werden soll.

Aber ohne das Problem der toxischen Maskulinität in der Szene, die sich am prominentesten in den immer wieder aufgedeckten Missbrauchsfällen zeigt, kleinreden zu wollen, ist das „Real Emo“-Copypasta vor allem eins: ein Witz. Und zwar einer, der gerne selbstironisch erzählt wird. Nur wenige würden wahrscheinlich den Einfluss von American Football oder sogar My Chemical Romance auf die Emo-Szene bestreiten wollen. Und die, die es tun, eigenen sich in ihrer Verbohrtheit ideal als Zielscheibe für Satire. Denn EMO BELONGS TO EVERYONE.