Wer Deutschrap für seinen Sexismus verachtet, darf Steel Panther nicht feiern

Als der für frauenfeindliche Texte kritisierte Rapper Bausa jüngst für Foals auf dem eigentlich für Gleichberechtigung einstehenden Reeperbahn Festival einspringt, feuern Rockfans munter auf das nun leichter denn je zu treffende Feindbild Deutschrap. Die Debatte ist wichtig, offenbart aber in manchen Kreisen auch eine frappierende Doppelmoral: Sexismus ist nur dann ein Tabu, wenn er den eigenen Geschmack nicht trifft.
Steel Panther

Es ist der 2. Oktober 2016. Der drei Jahre jüngere Autor dieses Textes befindet sich in der legendären Großen Freiheit 36 in Hamburg, auf der Bühne stehen die Glam-Metal-Karikaturisten Steel Panther und geben vor ausverkaufter Hütte ein umjubeltes Konzert. Die Show ist – das ist von dieser Band nicht anders zu erwarten – verrucht, sexy, über alle Maße versaut. Sänger Michael Starr verwendet das Mikrofon in seiner Hand mehr als einmal als Phallus-Ersatz und röhrt in seinen Texten gewohnt über die absurdesten Sex-Geschichten, die er tagtäglich auf Tour erlebt haben will. Irgendwann setzt sich in der Mitte des Clubs eine Frau auf die Schultern einer anderen Person und erhebt sich über die Köpfe des Publikums. Starr entgeht das nicht. Prompt ruft er mit wohliger Freude und in gebrochenem Deutsch: „Zeig mir deine Titten!“ Der Frau ist diese Aufforderung sichtlich nicht ganz behaglich, unter den nun auf ihr haftenden Blicken von über tausend Besuchern lässt sie sich aber verlegen dazu hinreißen, ihr Oberteil hochzuziehen. Die Menge johlt, aber Starr ist noch nicht zufrieden. Er möchte die Brüste der Frau auch ohne BH sehen dürfen. Zögerlich gibt die Frau auch dieser Aufforderung nach. Die Band bejubelt den Anblick wie eine errungene Trophäe, dann stimmt sie den nächsten Song über Blowjobs an.

Dass Steel Panther das alte Lebensgefühl von Drugs, Rock’n’Roll und vor allem Sex in ihrem gesamten Bandkonzept als Persiflage verkörpern, trägt die Band in jeder Minute ihres Auftretens nach außen. In den 80ern war Glam Metal der unironische Inbegriff von männlicher Alpha-Mentalität, dessen gesellschaftliche Konnotation in den Köpfen Vieler heute Deutschrap innehat. Rockfans vergessen bei all der berechtigten Kritik an Kollegah-Versen gerne, wo ihre Musik eigentlich mal herkam. Dass man all das auf keinen Fall ernst nehmen darf, ist die Grundvoraussetzung, damit die sich eigentlich über dem Sexismus erhaben fühlende Rock-Community bei der Musik von Steel Panther hemmungslos mitgrölen kann. Nur: Verstecken sich nicht auch Kollegah und Farid Bang immer hinter der Ausrede, ihr Auftreten als Rapper sei eigentlich nur die Verkörperung ihrer Kunstfiguren? Und was hat es noch mit einer Parodie zu tun, wenn Frauen zu einer Entblößung gedrängt werden, die sie eigentlich nicht wollen? Tritt Bausa beim Reeperbahn Festival auf, wird die Kritik zurecht laut, aber niemanden interessiert es, wenn sich Steel Panther in ihrem Song „Bukkake Tears“ über eine Massenvergewaltigung lustig machen („So I called some of the boys and I set it up/ How was I to know you’d regret it, oh/ There was so much love on your face/ I couldn’t see the tears.“)

Natürlich beharren sowohl die Band als auch ihre Fans darauf, dass all ihr Tun nur in parodistischer Manier passieren würde. Überzeichnete Stilmittel wie literweise Sperma im Video zu „Gloryhole“ oder ein riesiger Hodensack in „Pussywhipped“ tragen dieses Bild. Aber nur, weil Farid Bangs Auschwitz-Line übertrieben und klar als geschmackloser Witz zu erkennen ist, wird ihre Grundaussage nicht besser. Bei Steel Panther lautet dieser Tonus: Frauen sind Sexobjekte, ihre Gefühle stehen unter der Befriedigung und dem Willen des Mannes. Natürlich wollen das alle nicht als realitätsgetreues Bild der Band ansehen, aber wer Steel Panther feiert, der nimmt eben auch in Kauf, dass die Parodie irgendwann so ernst wird, dass sie bittere Realität wird. Die konsequente Verteidigung einer Kunstfigur wäre schließlich, sich außerhalb der Bühne klar von deren Verhalten zu distanzieren. Stattdessen klingt Michael Starr in Interviews eigentlich genau so wie auf Platte. Im Gespräch mit dem Online-Magazin Berlin030 sagt er so etwa: „[Frauen in Berlin] sind nicht so einfach zu ficken wie amerikanische Mädels. Amerikanische Mädels sind ziemlich dumm, deshalb kommt man leicht in ihre Höschen. In Berlin muss man vorsichtiger sein. Wenn man eine schwängert, muss man sie mit nach Hause nehmen.“

Dass Steel Panther auch in Interviews ihre Rolle weiter verkörpern, sorgt mindestens für Verwirrung, was die Haltung der Band im außermusikalischen Kontext angeht. Dieses Auftreten unterscheidet das amerikanische Quartett fundamental von etwa K.I.Z., die in ihren Texten nüchtern betrachtet zwar auch zu den übelsten Provokationen greifen, gleichzeitig aber bei „#wirsindmehr“-Konzerten gegen rechten Populismus eintreten, einmal im Jahr einen Gig als Safe Space nur für Frauen veranstalten und in Gesprächen mit Magazinen konsequent deutlich machen, dass ihre Songtexte nicht ihre tatsächlichen Werte wiedergeben. Steel Panther hingegen weichen immer nur dann minimal von ihrer Linie ab, wenn sie andernfalls einen Skandal auslösen würden. Als es im Gespräch mit Metal.de zum Beispiel um Donald Trump geht, beteuert die Band, dass sie dessen „Grab them by the pussy“-Credo nie folgen würde und dass man Frauen so vorsichtig „wie Schmetterlinge“ behandeln müsse. Aber selbst diesen Kommentar lässt die Band nicht stehen, ohne diese Verhaltensweise auf das eigene Ego zu münzen: „Und natürlich gibt es auch Schmetterlinge, die eher eine böse Überraschung für dich wären, es gilt also aufzupassen.“

Dabei gäbe es im Kosmos der Band eigentlich genug Kontroversen, zu denen man Stellung beziehen könnte. Aber das Problem ist eben auch, dass Interviewführende bei Steel Panther scheinbar nie auf die Idee kommen, mal kritisch nachzufragen. 2017 veröffentlicht die Band in Zusammenarbeit mit TC Electronics ein Gitarren-Effektgerät mit dem Namen „Pussy Melter“. Nachdem ob des Namens eine Petition gegen das Gerät entsteht, beendet die Firma die Kooperation, kurz darauf verkauft die Band es aber in Zusammenarbeit mit einem anderen Hersteller wieder. Im irischen Magazin Overdrive gibt sich Gitarrist Satchel retrospektiv wenig selbstkritisch und diffamiert alle Kritiken schlicht als „viel zu sensibel“. Als Schlagzeuger Stix Zadinia über die Urheberin der Petition spricht, meint er sogar, dass es für ihre Interessen besser gewesen wäre, sich nicht zu wehren und gibt der Kritikerin selbst Schuld an dem Skandal, anstatt die eigene Verantwortung zu hinterfragen: „Die Ironie an der ganzen Lage ist doch: Hätte sie es gesehen und gesagt ‚Das ist nichts für mich‘, wäre die ganze Chose einfach im Sand verlaufen. […] Ihre Handlungen erschufen eine Situation, die mehr war als ein Gitarrenpedal.“

Warum geben Magazine Steel Panther so kontinuierlich einen solchen Freiraum, in dem sie ungehindert provozieren können? Selbst die Profis von Spiegel Online beäugen Steel Panthers Äußerungen nicht mit Kritik, sondern setzen die Ironie der Band einfach als Prämisse und nicht als Problem. So kann Gitarrist Satchel ungehindert solche Kommentare von sich geben: „Manchmal sagen Girls uns zum Beispiel: ‚Hey, ich würde das oder das gerne mal beim Sex ausprobieren.‘ Wenn wir das dann aber mit ihnen machen, merken sie plötzlich, dass es ihnen gar nicht gefällt. Aber wir hören dann nicht auf. So lernen sie.“

2012 wird Steel Panthers zweites Album „Balls Out“ in Deutschland von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert. Auch die BPJM betont in ihrer Entscheidung, dass die Band trotz ihrer parodistischen Attitüde zu keinem Zeitpunkt von ihrer Rolle abweicht, wodurch die klare Identifikation realer Positionen gefährdet wird. Besonders kritisch betrachtet die Prüfstelle den Song „Critter“, in dem Frauen als Kriechtiere erniedrigt und dem Mann allgemein als unterwürfig zugeordnet werden. Im Gespräch mit der Rock Hard macht sich Satchel darüber lediglich lustig, fühlt sich angespornt, noch mehr verbotene Alben zu veröffentlichen und spielt die eigene Verantwortung damit herunter, dass ja jeder über die freie Entscheidung verfüge, den Inhalten der Texte Folge zu leisten oder nicht. Aber darum geht es gar nicht. Um es mal bewusst auf die Spitze zu treiben: Mit diesem Argument könnte man auch jede Nazi-Band von jeglicher Schuld freisprechen, weil sich bloß mit Musik und Texten nun mal keine resultierende Handlung erzwingen lässt. Dass diese Bands trotzdem einen bedenklichen Einfluss auf ihre Hörerschaft haben und deswegen zurecht verboten sind, steht außer Frage. Musik kann sich als Gegenstand des öffentlichen Zugangs seiner Vorbildfunktion nicht erwehren. Deswegen müssen auch Steel Panther ihre Darstellung als Künstler hinterfragen – ob es ihnen gefällt oder nicht.

Aus diesem Grund ist es letztendlich auch egal, ob die Menschen hinter den vier schrill aufgestylten Glam-Rock-Abziehbildern ihre Texte ernst meinen oder nicht. Entscheidend ist, dass sie sich nie so klar gegen ihre vorgeblichen Kunstfiguren bekennen, dass eine differenzierte Einordnung ihrer Personen zweifelsfrei möglich wird. Mit genau diesem Argument gerieten Kollegah und Farid Bang nach dem Echo-Eklat allgemein in Verruf, aus welchem Grund sollten Steel Panther also von dieser Betrachtung freigesprochen werden? Etwa, weil Glam-Rock-Nostalgie tendenziell eine ältere und reifere Zielgruppe hat als der pubertär geprägte Gangster-Rap? Aber Situationen wie die in der Einleitung dieses Textes beschriebene belegen doch, dass eine solche konsequente und einseitige Haltung im Geschlechterbild fähig ist, auch in Steel Panthers Publikum eine unangenehme Massendynamik zu entwickeln. Und spätestens dann hat auch alle Argumentation um Parodie und Kunstfreiheit keine Relevanz mehr – in diesem Moment wird Sexismus frappierende Realität.

Mir geht es in diesem Text nicht ausschließlich darum, eine bestimmte Band an den Pranger zu stellen. Vielmehr möchte ich dazu aufrufen, die eigene Einstellung mit Konsequenz zu hinterfragen. Wer in die Seitenleiste dieses Artikels schaut, wird zum Beispiel merken, dass ich selbst noch vor zwei Jahren eine Kritik zu Steel Panthers Album „Lower The Bar“ verfasst habe und dort auch nicht über einen sehr vorsichtigen Zweifel an den Inhalten der Band hinauskomme. Warum habe ich dem damals noch keine Beachtung geschenkt, obwohl ich auch schon vor zwei Jahren ohne jeden Zweifel sexistische Haltungen verachtet habe? Wohlmöglich, weil es schwieriger ist, etwas den Rücken zu kehren, was man eigentlich mal gut fand. Aber es macht eben keinen Unterschied, ob gerade ein Rapper oder ein Rocker menschenverachtende Zeilen auf Platten presst. Für eine bessere Gesellschaft dürfen wir nicht mit zweierlei Maß messen. Sexismus ist immer widerwärtig, völlig egal, welche Maske er trägt.

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