"Strange Fruits Hanging From The Poplar Trees"

Café Society, New York City. Der Abend neigt sich dem Ende, alle Lichter aus, lediglich ein Spot auf die Protagonistin. Ihre Augen sind geschlossen, während sie die Einleitung spricht. Was folgt, gilt als einer der größten künstlerischen Beiträge zur Bürgerrechtsbewegung. Die Geschichte zu Billie Holidays "Strange Fruit".
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Es ist wie so oft, die großen Hits sind gecovert. So auch „Strange Fruit“ von Billie Holiday. Getextet und komponiert hat das Stück Abel Meeropol im Jahre 1937, während Holiday es 1939 übernahm. Alleine der Plan dazu brachte der aufstrebenden Musikerin erste Probleme. Ihr Produzent nahm als erster Abstand von dem Projekt, das sei ihm deutlich zu heiß. Wenn man sich Thematik und Text anschaut und die Zeit, von der wir sprechen: nicht komplett unverständlich. „Strange Fruit“ beschreibt eine Szenerie, einen Baum, an dem „Strange Fruits“ hängen, nämlich der verstümmelte und von Krähen zerhackte Körper eines schwarzen Bürgers. Auch in den 30er-Jahren, also Jahre nach Ende der Sklaverei und der Reconstruction-Ära, war Rassismus immer noch alltäglich. Die Rassentrennung bestand weiterhin, nun allerdings unter dem Richterspruch „Getrennt aber gleich“. Dass der Fokus fast ausschließlich auf dem Trennen lag, spürt man bis heute. Das Tuskegee Institute spricht von über 3800 dokumentierten Lynchmorden, 80 Prozent davon waren afroamerikanische Bürger, 90% dieser Morde haben in den Südstaaten stattgefunden. Umfragen in den Südstaaten der 30er-Jahre ergaben, dass 60% der weißen Bevölkerung das Lynchen befürworteten.

Und in dieser Zeit lebt Eleanora Fagan unter ihrem Künstlernamen Billie Holiday. Ihre Erfahrungen haben sie früh geprägt und selbst als sie erfolgreich war, wurde sie ständig mit dem allgegenwertigen Rassismus konfrontiert. Im New Yorker Lincoln Hotel war sie kurze Zeit Teil der Stammbesetzung, bis man sie dazu zwang, den Frachtenaufzug zu nehmen, um anderen Hotelgästen nicht negativ aufzufallen. Bittere Ironie, dass das Hotel nach Abraham Lincoln benannt wurde. Zwei Jahre zuvor verstarb ihr Vater in Dallas an einer Lungenentzündung, da man sich im weigerte, einen Afroamerikaner zu behandeln. „Nicht die Krankheit hat ihn getötet, Dallas hat ihn getötet.“ 1939 fing sie also im neu gegründeten Café Society an. Auftritte mit Glenn Miller, Tex Beneke und Artie Shaw brachten sie einem breiteren Publikum näher. Sie galt als eine der größten Jazzsängerinnen ihrer Zeit. Und mit „Strange Fruit“ war ihr Image auf ewig geändert. Plötzlich war sie nicht mehr die musikalische Verführerin, jetzt erschütterte sie ihr Publikum. Die Performance war perfekt inszeniert. Der Song sollte immer der Letzte ihres Sets sein. Der Saal wurde abgedunkelt, nur ein Spot auf ihrem Gesicht. Die Kellner gegen durch die Reihen und bitten um absolute Stille. Und dann schlägt die Bombe ein. Das lange Intro ist verklungen und Holiday singt von der Pappel, deren Äste und „Früchte“ im Südstaaten-Wind wiegen. Das Publikum ist bestürzt von der geschilderten Grausamkeit. Mit dem letzten Ton erlischt auch das Licht und Holiday entschwindet hinter den Kulissen. Wie sich später zeigte, zu Recht. Sie beendete fortan alle Konzerte mit „Strange Fruit“. Auf einem der ersten Konzerte, endete dieses Stück in einem Krawall an der Bar, Holdiay flüchtete. In anderen Clubs oder Bars wurden die Gäste schon vor Beginn des Songs aufgefordert zu gehen, sodass Holiday am Schluss mit den Kellnern alleine im Saal war, während das Personal bereits mit der Reinigung begann. Holiday dazu später: „Dieser Song schaffte es, die Leute, die in Ordnung sind, von den Kretins und Idioten zu trennen.“

Von damals bis heute wurde und wird der Song gecovert und gesampled. Von Eartha Kitt, über Diana Ross und Nina Simone, bis hin zu UB40 und Sting. Kanye West verarbeitete Samples aus dem Song in seinem Track „Blood On The Leaves“. Und natürlich nicht zu vergessen, Zeal & Ardor, das Projekt von Manuel Gagneux, der sich der Thematik komplett verschrieben hat und mit dem Album „Stranger Fruit“ der Geschichte des Songs ganz neues Leben eingehaucht hat. Denn das ist leider vollkommen klar: Wir sind noch Welten davon entfernt, den Rassismus besiegt zu haben.