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Lirr widersetzen sich der normalen Musik – ein Debütalbum wie ein Paukenschlag

Mo, 11.09.2017 - 01:06
Manche kennen Lirr. sicherlich schon vom Song „Leben wert“ von Heisskalt. Doch wie stark geht „God's On Our Side; Welcome To The Jungle“ in diese Richtung?

Post-Hardcore entwickelt sich immer weiter. Mit jedem neuen Release denkt man sich teilweise, warum diese Musik erst jetzt zum Vorschein kommt. Eine Entwicklung in immer vielfältigeren Spektren. Dieses Mal schaffen es Lirr, die Musik auf ein neues Level zu bringen. Ihr Debütalbum ist irgendwo zwischen Lygo, Freiburg und Fjørt, aber dennoch anders. Schon alleine die Stimme ist so markant, dass schon ein Wiedererkennungswert gegeben ist. Das Album schwankt genauso gut aber auch zwischen den Genres hin und her. Irgendwie scheint es so, als ob Lirr nicht mal einen Ansatz hatten. Sie haben einfach drauf los geschrieben.

Herausgekommen ist dabei ein Album, das fast schon als ein einziger Song durchgehen könnte. Die Tracks fließen nahtlos ineinander über. Jeder Song hat etwas vom anderen, ohne es wirklich rauszuhören. Deswegen gibt es wahrscheinlich auch jeweils drei Songs, die in zwei Parts unterteilt sind. Aber auch der Rest hält die Kette zusammen. Es ist faszinierend, wie diese Welle aus Energie nie zu enden scheint. Es gibt nicht wirklich eine Pause auf dem Album. Das macht es teilweise wirklich schwer, nur einen Song zu hören. Andererseits gibt es nicht wirklich „diesen einen Song“. Es wirkt wie eine Geschichte, die einfach fortläuft, ohne anzuhalten. Das Besondere dabei ist aber auch, dass die Lieder nicht wirklich ein Schema haben.

Musikalisch sind Lirr definitiv eine Bereicherung für jede Speicherkarte. Leider versteht man teilweise vom Gesang nicht jedes Wort. Im Gegenzug spürt man die Emotionen umso stärker. Die sehr schroffen Gitarren, zusammen mit dem sehr präsenten Schlagzeug untermalen Gesang und Geschrei. Es gibt selten eine Band, die mit einer so emotionalen Attitüde auftritt. Gerade die Übergänge zwischen einigen Songs, unter anderem „Jungle Pt. 1“ zu „Jungle Pt. 2“ oder „MTV“ zu „Down“ sind gewalttätig, laut und brutal. Ohne Rücksicht auf die Trommelfelle haut die Band einfach alles raus, was sie hat. Gleichzeitig gibt es aber dann eben auch diesen Fall, der für das Album typisch ist. Immer wieder gibt es diese Abschnitte, in der ein neues Musikdetail den Weg zum Album schafft und ein anderes dafür Platz macht.

Durch die sehr verzerrten Gitarren klingt alles so schön dreckig. Auch der Gesang trägt seinen Teil dazu bei. Wenn aber eben jene ruhigen Momente kommen, wovon es nicht viele gibt, dann ist es unfassbar harmonisch und schön anzuhören. „Sour Pt. 1“ und der zweite Part sind die ausschließliche Hingabe zum Musikalischen. Diese Tiefe, die Gitarre und Bass mit einfließen lassen, lässt einem auf das weite Meer treiben. Immer wieder lässt der Rhythmus einen mitwippen. Man taucht praktisch in eine Welt ein, in der Lirr all ihre Gefühle offenlegen. Durch diese Verspieltheit ergibt sich auch in der Musik kein Muster, außer eben das Chaos. Dass es Lirr Spaß macht, ihre Lieder zu kreieren, merkt man an vielen kleinen Eigenschaften. Bei „Grow“ zittert zum Schluss noch einmal der Finger an der Gitarre.

Die Songs haben keine besonders lange Spielzeit. Dennoch halten sie sich gefühlt länger als sie sind. Man denkt nach dem Album nicht, dass es nur 29 Minuten waren. Das ist etwas, was nicht viele schaffen. Das liegt einfach daran, dass sich die Songs dem Grundtenor der heutigen Musikbranche nicht anpassen. Das Chaos schafft die Lebenszeit von Lirr und „God's On Our Side; Welcome To The Jungle“. Es ist kein Album, welches Ohrwürmer verspricht. Die Platte punktet vielmehr mit Energie, Abwechslungsreichtum und einer unglaublich akrobatischen Art, alles was man kennt, zu vergessen.