5 Jahre, 50 Platten: Die denkwürdigsten Alben der Woche (Teil 2)

Im zweiten Teil unseres Rückblicks auf die denkwürdigsten Alben der Woche schauen wir auf zehn große Alben aus dem Jahr 2017. Darunter: Der bis heute unkaputtbarste Monolith im deutschen Post-Hardcore, Synthie-Sample-Collagen väterlichen Ursprungs und das vielfältige Drittwerk einer weltbekannten Artpop-Formation.
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  • Love A - "Nichts ist neu"

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    Love A sind im besten Sinne des Wortes „edgy“: Die Musik verkantet sich im Gehörgang und die Texte bringen einen zum Stolpern - bis man irgendwann anfängt zu tanzen. Ihren minimalistischen Post-Punk haben Love A auf drei Alben geübt. Auf ihrer vierten Platte ist vielleicht nichts neu, aber dafür die Formel perfektioniert.

    - Steffen Schindler

  • Die Toten Hosen - "Laune der Natur"

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    Die Hosen sind schon so lange im Musikgame, dass da irgendwann mal eine Entwicklung stattfinden muss – hier die Entwicklung von rotzigem Deutschpunk zu fetzigem Kuschelrock. Auf "Laune der Natur" erkennt man diesen Übergang sehr gut. Aggressivere Songs wie „Urknall“ reihen sich an Radio-Pophits wie „Wannsee“ oder „Alles passiert“, aber genau das macht dieses Album eigentlich wirklich interessant. Dazu steht es wie kein anderes Hosen-Album für die Geschichte der Band, auch bezogen auf Campinos zweisprachiges Aufwachsen und die Prägung mit britischem Punk – nicht umsonst gibt es das Album als Spezial-Edition mit „Learning English Lesson 2“.

    - Jannika Hoberg

  • Egotronic - "Keine Argumente!"

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    Gegen Arbeit und den Leistungsdruck und für Freiheit. „Keine Argumente!“ ist antinationaler Elektro-Punk mit einem großen Mittelfinger gerichtet auf Deutschland. Egotronic sind schon lange fester Bestandteil der linken Punker-Szene und bringen mit „Keine Argumente!“ eine Platte mit Tracks wie „Deutschland, Arschloch, Fick Dich“, eine Band, die nicht lange um den heißen Brei redet, sondern kurz und schlagfertig Statements abfeuert.

    - Paula Thode

  • 8kids - "Denen die wir waren"

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    Ein Debütalbum aus der Kategorie: „redaktionell gefeiert“. Was die Darmstädter 8kids im Frühjahr 2017 abgeliefert haben, ist hochemotional, teils brachial und mit Sicherheit stilprägend für unser seither so prächtig aufgeblühtes Fanzine. Düster-romantische Lyrics treffen zielsicher auf bittersüße Melodien und ausgefeilte Instrumentalisierung. Einen gewissen Pop-Appeal kann man dem Werk nicht absprechen, sodass man es mit Fug und Recht als gelungenen Zwitter aus Casper und Fjørt titulieren kann. Erst- und Zweitmeinung waren sich in ihrer Einschätzung erstaunlich nah, was aber auch an Jakobs gutem Riecher für ambitionierte Newcomer liegen könnte.

    - Marco Kampe

  • Alt-J - "Relaxer"

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    Für überschwängliche Einigkeit sorgte im Sommer 2017 der dritte Streich aus dem Haus Alt-J. Zwei Wertungen jenseits der 8er-Marke haben bis heute Seltenheitswert und ebenjener macht „Relaxer“ zu einem verdienten Baustein unserer AdW-Hitliste. Die besondere Stärke liegt in der undurchschaubaren Klangvielfalt und der bedingungslosen Abkehr jeglicher, vorherrschender Erwartungshaltungen. Auch mit über drei Jahren Abstand würde wohl eine vergleichbare Wertung für dieses Werk herausspringen.

    - Marco Kampe

  • Bent Knee - "Land Animal"

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    Ach, die Freuden von Artrock! Bent Knee springen auf dem 2017er „Land Animal“ – scheinbar unbekümmert – durch Polyrhythmen, verschieden Tempi und wieder zurück. Jedes Instrument ist dabei individuell Weltklasse und der zum Teil stark von Björk beeinflusste Gesang des Ausnahmetalents Courtney Swain hebt das knapp 50 Minuten lange Werk in neue Sphären. Die ruhigeren Songs schaffen es durch ihre Dynamik ganze Geschichten zu erzählen, während die schnelleren Stücke durch Kreativität und Handwerkskunst begeistern.

    - Niels Baumgarten

  • The Hirsch Effekt - "Eskapist"

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    Nach der labyrinthhaften Komplexität und Brutalität der “Holon”-Trilogie fragten sich Fans des bandgewordenen Elternschrecks The Hirsch Effekt, wie die drei Hannoveraner denn jetzt noch einen draufsetzen sollten. Mit energischer Aggressivität fegte dann 2017 das absolut monumentale Follow-up “Eskapist” wie ein Derwisch über die Skepsis der Hörerschaft. Mit brachialen Schreien und Gitarrenläufen, die allen, die schonmal ein Saiteninstrument in den Händen gehalten haben, die Tränen in die Augen und das Blut auf die Fingerkuppen treibt, lässt die vierte Platte des Artcore-Trios Münder offen stehen, sei es aus Entsetzen oder Ehrfurcht. Dabei schafft die Band darüber hinaus noch mit Songs wie “Lifnej” den Spagat zwischen maximaler Präzision und Komplexität und gleichzeitig melodischer Eingängigkeit. Die von Screamo bis Wehklagen reichenden Gesangsparts tun ihr übriges, um den Hörer:innen die Nackenhaare zu Berge stehen zu lassen. Ein absolutes Brett von einem Album.

    - Kai Weingärtner

  • Alessandro Cortini - "Avanti"

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    Die Mischung aus ruhigen Synthiespuren, Drone-Sounds und alten Tonaufnahmen aus der privaten Sammlung von Cortinis Vater erschafft auf "Avanti" eine nostalgische und latent melancholische Atmosphäre, die zu begeistern weiß. Ein Album, welches auch in ruhigen Momenten deutlich zu sprechen vermag und beweist, wie gefühlvoll und gut Synthesizer klingen können.

    - Johannes Kley

  • Fjørt - "Couleur"

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    2012 stießen Fjørt mit ihrer “Demontage”-EP für viele die Tür zum deutschsprachigen Post-Hardcore auf. Ganze fünf Jahre später bringen die drei Aachener mit ihrem dritten Album gleich das ganze Haus zum Einsturz. “Maßgeblich” hatte Jakob die Platte zum Release betitelt. Jeder einzelne Schrei erschüttert bis ins Mark, düstere Riffs und wuchtige Drums bauen sich zu turmhohen Klanglandschaften auf. Texte wie die des Titeltracks bieten auch drei Jahre später noch Gänsehautgarantie. “Couleur” ist und bleibt eine der unangefochtenen Speerspitzen dieser Musikrichtung und bildet gleichzeitig die Skala, an der sich ein jedes Album mit auch nur den winzigsten Post-Hardcore-Allüren messen muss. Und trotz aller Herausforderer, “Couleur” ruht wie ein Monument auf diesem eisernen Thron.

    - Kai Weingärtner

  • Hey Ruin - "Poly"

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    Die Übersetzung des Albumtitels ist einfach treffend. „Poly“ bedeutet „viel“ und das liefert das Album auch. Die Brutalität in Musik und Text sorgen auch beim zehnten Durchhören für Beklemmung und sind in ihrer Inszenierung unglaublich intensiv. Emo, Core und Punk in einer Härte, die nur noch von der Härte der Texte getoppt wird.

    - Moritz Zelkowicz